Zen und Heilung
Ich hatte keine Zeit „zu mir kommen“ oder zu überlegen. Die Diagnose Krebs löste eine schulmedizinische Lawine aus, von der ich mitgerissen wurde: Operationen, Chemotherapie, Reha. Und dann – nichts mehr -, der lakonische Hinweis, möglichst regelmäßig zu Kontrolluntersuchungen zu gehen. Für die Schulmedizin war damit alles getan. Jetzt sollte ich mich wieder in die „Normalität“ einfügen, d.h. an meine alte Arbeitsstelle zurückkehren, damit alles wieder so sei, wie es vorher war… .
Und wenn die Tumore wiederkommen?
Sie kamen wieder. Wie könnte es auch anders sein, denke ich heute. Alle Bedingungen, innere und äußere, haben meinen Körper dazu gebracht, dem Tumorwachstum keinen Einhalt zu gebieten.
Während der kurzen Zeit einer „Patientenwoche“ mit dem amerikanischen Psychoonkologen Carl Simonton erhielt ich einen ersten Anstoß, über meine Gefühle wie Angst, Wut, Verzweiflung, Scham oder auch Schuldgefühle nachzudenken. Carl Simontons persönliche Erfahrungen hatten ihn erkennen lassen, dass es so etwas wie eine Krebspersönlichkeit gibt, die auf Krisensituationen, wie sie in jedem Leben vorkommen, mit ungesunden Mustern reagiert. Dadurch bewegt sich dieser Mensch in Richtung Krankheit und Tod.
Ich hatte nach der Patientenwoche beschlossen, mit meinen Gefühlen gesünder umzugehen, um mehr Freude in mein Leben zu bringen. „Be gentle with yourself“ war ein wichtiger Satz, der mich seitdem begleitet, dessen Umsetzung für mich aber so schwer war und ist.
Auch in der chinesischen Medizin werden Gemütszustände und Gefühle wie Ärger, Verzweiflung oder auch Angst unter anderem dafür verantwortlich gemacht, dass sich die Verhältnisse von Ying und Yang im Körper verschieben, wodurch dann Krankheiten ausgelöst werden. Wie aber sollte ich es schaffen, auf Dauer zu einer Veränderung meiner ungesunden Muster zu kommen, damit ich nicht nur gesund, sondern endgültig geheilt werde?
Ich erhielt eine konkrete und umsetzbare Antwort, als ich den buddhistischen Zen-Meister Thay Thien Son traf und ich in seinen Seminaren begann, wirklich an mir selbst zu arbeiten.
Welche Bedürfnisse habe ich überhaupt? Was möchte ich in diesem Leben verwirklichen? – das waren Fragen, die in den Seminaren gestellt wurden und auf die ich bis dahin keine wirklichen Antworten hatte. Bisher glaubte ich, dass es mir dann gut gehen müsse, wenn es meiner Familie gut geht. Meine Lebensführung orientierte sich an den Bedürfnissen anderer, die ich möglichst perfekt vorausahnen und erfüllen wollte. Eine aus Verlustangst geborene unlösbare Aufgabe, die gleichzeitig zur Folge hatte, dass ich mich selbst „aus den Augen verlor“.
Sich selber lieben, sich selber wirklich so anzunehmen wie man ist, hat nichts mit Egoismus oder Egozentrik zu tun, sondern ist die gesunde Basis dafür, auch für andere da sein zu können. Das war und ist für mich jedoch sehr schwer zu erlernen. Immer wieder tauchen da „störende“ Emotionen auf, die es erst einmal galt und gilt mit Achtsamkeit wahrzunehmen.
Zen ist eine Bewusstseinsschulung mit dem Ziel, Klarheit zu erlangen, zu „erwachen“. Es gibt keine Alternative zur Schulung des Geistes durch Achtsamkeit und Meditation, durch Selbst-Kontrolle und Selbst-Erkenntnis. Wird der Geist nicht ernsthaft trainiert, wird er nicht in der Lage sein „klar“ zu denken, weil er ständig durch Emotionen, die den Sinneskontakten folgen, überschüttet wird.
Diese Arbeit erledigt sich natürlich nicht in ein paar Wochen, sondern es bleibt eine langfristige Aufgabe, die der Führung bedarf. Jahre- oder auch jahrzehntelang haben wir unsere ungesunden Gewohnheiten und Muster ausgebildet und immer wieder zu unserem Nachteil trainiert und so ist es nicht verwunderlich, dass wir leicht immer wieder in unsere alten Gewohnheiten zurückfallen, selbst wenn wir etwas für uns „Ungesundes“ erkannt haben. Bis es uns durch ständiges Üben eines Tages gelingt, dies nicht mehr zu tun,.
Dies bedeutet, wir müssen Ausdauer und Geduld, vor allem mit uns selber entwickeln, damit unsere Arbeit mit uns selbst zum Erfolg führen kann.
Für mich ist dies der richtige Weg. Mein Körper zeigt mir, dass ich schon etwas verändern konnte: Es gibt keine Tumore mehr!
Mein Dank gilt allen, die mich unterstützt haben!
Ein wunderbarer Text in „Das Tibetischen Buch vom Leben und vom Sterben“ beschreibt diesen Weg, auf dem ich mich befinde.
1.
Ich gehe die Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich falle hinein.
Ich bin verloren… Ich bin ohne Hoffnung.
Es ist nicht meine Schuld.
Es dauert endlos, wieder herauszukommen.2.
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich tue so, als sähe ich es nicht.
Ich falle wieder hinein.
Ich kann nicht glauben schon wieder am gleichen Ort zu sein.
Aber es ist nicht meine Schuld.
Immer noch dauert es sehr lange, herauszukommen.3.
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich sehe es.
Ich falle immer noch hinein… aus Gewohnheit.
Meine Augen sind offen.
Ich weiß, wo ich bin.
Es ist meine Schuld.
Ich komme sofort heraus.4.
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich gehe darum herum.5.
Ich gehe eine andere Straße.