„Wir gehen durch das Zen-Nadelöhr“

„Allein komme ich nicht weiter!“, hatte ich schon lange erkannt. Eine bittere Erfahrung, die ich nach drei Schweigeretreats im Allgäu ziehen musste. Als Fan von Intensivkursen war ich jedes Mal voller guter Vorsätze zurückgekehrt und im Alltag kläglich gescheitert.
Selbst die „Achtsamkeits-Meditation“, die ich mittels Thich Nhat Hanh-Buch versuchte, schien überirdisch: Wer schafft schon ein unverkrampftes Lächeln vor einer roten Ampel? Oder atmet entspannt angesichts eines nervigen Kunden? − Schließlich zog ich mich darauf zurück, dass ich als Selbständige Wichtigeres zu tun hätte als das „Achtsamkeits-Diplom“ zu machen…

Samsara – Leidvolles Dasein

Aber so kann das Leben auch nicht weitergehen, dachte ich wieder einmal im August 2005 und suchte im Internet nach einer Frankfurter Meditationsgruppe. Vielleicht könnte ich dort wenigstens das Loslassen lernen, damit ich eines Tages in Würde sterben könnte.
Die Wahl fiel auf die Pagode Phat Hue und die Achtsamkeitsmeditation bei Viet und Chau. Von dieser Schnupperrunde in der Donnerstagsgruppe war selbst mein Partner sehr angetan. Wir beschlossen, ein weiteres Kursangebot der Pagode zu testen: ZEN 1. Das war der erste Schritt eines spannenden neuen Wegs, eines Wegs zu mehr Ehrlichkeit und innerer Aufrichtigkeit, zu mehr Mut und persönlicher Freiheit.
Dass der Weg zur Selbsterkenntnis ein langer Prozess ist, wissen alle, die selbst die Enge und Hartnäckigkeit ihrer kleinen Identität kennen. Streckenweise wird es sogar recht unbequem. Es kostet Mut, sich seinem ungeschminkten Spiegelbild zu stellen. Es erfordert Kraft, erneut nach Kindheitserlebnissen zu forschen. Und es braucht Geduld und Vertrauen, wenn Blockaden den Blick verstellen. Vieles ist schmerzhaft und traurig, einiges sogar peinlich. Meinem Partner geht es ähnlich. Die Nerven liegen immer öfter blank und immer öfter streiten wir.

Oder doch lieber „Zen light“?

Vor ZEN 4 diskutieren wir ernsthaft, ob wir nicht doch lieber den „Zen light“-Weg gehen wollen. So nannten wir das Konzept, einmal in der Woche Sitz- und Gehmeditation zu machen und jeden Morgen mit dem Spruch eines Meisters den Tag zu beginnen. Doch spüre ich, dass Aufgeben scheitern wäre, und das habe ich noch nie freiwillig gemacht. Schließlich bleiben die andern auch am Ball.
Vertrauen, auf dem richtigen Weg zu sein, schenkt Freude Schritt für Schritt geht es weiter. Dass ich nicht aufgegeben habe, verdanke ich der gemeinsamen Arbeit in der Gruppe, dem Gefühl miteinander auf dem Weg zu sein und einen Meister gefunden zu haben, der den richtigen Weg kennt.
Besonders hilfreich ist die regelmäßige Teilnahme an den Dienstagabenden, wo selbst die „alten Zen-Hasen“ ihre Ängste rücksichtslos outen und analysieren. Das Vertrauen wächst und Freundschaften entwickeln sich. Die Begrüßungen sind vielfach so herzlich wie ein Nachhausekommen im besten Sinn. Selbst den Räucherstäbchengeruch, den ich früher als aufdringlich empfand, schnuppere ich jetzt liebevoll am nächsten Morgen in meiner Meditationsdecke.

Still confused – but on a higher level

Nach drei Zen-Jahren ist längst noch nicht alles Paletti. Doch gelingt es mir immer öfter, loszulassen. Von Meinungen, Konzepten und Mustern. Die Ego-Spiele sind durchschaubarer geworden. Und manchmal kann ich schon über mich lachen. Das gelingt ja erst, wenn man sich selbst loslassen kann, doch dann ist es enorm befreiend.
Fast einfacher scheint es mir, Materielles loszulassen. Mit Büchern, Klamotten, Schallplatten und Krempel fing es an. Jetzt wollen wir eine kleinere Wohnung nehmen, unsere 4-Zimmer- gegen eine 2-Zimmerwohnung eintauschen. Die Idee kam, als ich hörte, dass Buddha seinen Mönchen empfohlen hat, nicht länger als drei Tage unter dem gleichen Bodibaum zu sitzen. Diese Empfehlung wirkte auf mich wie eine Mini-Erleuchtung. Viel zu lange hatte ich schon an dieser Wohnung geklebt und darauf spekuliert, sie eines Tages kaufen zu können. Plötzlich spürte ich wie unfrei mich diese Hoffnung machte.
Dass wir jetzt gekündigt haben und bald mit leichterem Gepäck durchs Leben gehen werden, verdanke ich meiner Entwicklung im Zen. Ich will nicht mehr so sehr an überflüssigen Dingen festhalten und mich auch nicht mehr um sie kümmern müssen.
Dass Freunde die Entscheidung nicht verstehen, ist nicht mehr so wichtig. Denn alles ist im Fluss. Im Moment wollen wir nur raus aus unseren Gewohnheiten. Der Umzug ist unser „Zen-Nadelöhr“. Wenn ich meinen Krempel so weit reduziert habe, dass ich mit einem Zimmer klar komme, wird der nächste Umzug leichter…

11 – 03 – 208