Gefühle und Emotionen

Die zweite Stufe der Betrachtung (Zen 4-6): Klarheit über unsere Gefühle und Emotionen

Wie Gefühle entstehen

Die Gefühle gehören nach buddhistischer Philosophie zu der zweiten Daseinsgruppe der fünf Skandha. In Pali werden sie Vedana genannt. Gefühle entstehen durch eine Interaktion (Reaktion) zwischen Körper und Geist. Im Prinzip entstehen „Gefühle“ aufgrund von Vorstellungen: einmal durch das, was wir aufgrund unserer Anhaftungen als lebensförderlich oder dem Leben abträglich einstufen und zum anderen durch die Anhaftung an das Selbst. Wenn wir dann mit der Realität konfrontiert werden, entsteht als Reaktion ein Gefühl. Stimmen unsere Vorstellungen mit der Realität überein, verspüren wir ein Gefühl der Zufriedenheit, der Befriedigung und des Glücks. Gehen Vorstellung und Realität aber auseinander, entsteht eine Diskrepanz, welche auf körperlicher Ebene eine Anspannung erzeugt. Da Freude und Zufriedenheit von unserem Organismus nicht als Gefahr eingestuft werden, wird der Impuls der Freude schnell „verpuffen“, da er keinen Widerstand hervorruft. Wenn aber aufgrund einer subjektiv erlebten Diskrepanz eine Anspannung im Körper spürbar wird, signalisiert uns dies „Gefahr“. Der Körper mobilisiert Schutzmechanismen. Es kommt nun darauf an, wie stark die Impulse von außen sind und auf welche Weise wir darauf reagieren. Je mehr wir uns mit unseren Vorstellungen und Wünschen identifizieren und je extremer diese von der Realität abweichen, umso ausgeprägter wird unser Organismus eine vermeintliche Bedrohung wahrnehmen. Die Körperreaktion wird entsprechend intensiv ausfallen – gleiches gilt für die daraufhin folgenden Gefühle.

Ein Beispiel: wir lieben jemanden und haben bestimmte Vorstellungen über die Liebe und die Ausgestaltung einer Beziehung mit diesem Menschen. Wie es in der Realität nun mal ist, unterliegt alles der ständigen Veränderung – auch in Liebesbeziehungen. Aber wir halten uns an dieser einen Vorstellung von Liebe fest. Veränderungen innerhalb der Beziehung stufen wir schnell als Gefahr ein, weil wir Angst haben, die Kontrolle zu verlieren. Wir werden misstrauisch und kontrollierend unserem Partner gegenüber. Wenn irgendetwas darauf hinweist, dass die ersehnte Liebe nicht erfüllt werden kann, betrachtet unser Ego das als große Gefahr. Die Muskulatur des ganzen Körpers zieht sich zusammen, es kommt zu Verspannungen im Bereich des Brustkorbs, das Herz schlägt schneller. Der Magen verkrampft sich und wir haben keinen Appetit mehr. Die körperliche Reaktion und das von uns darüber gelegte Gefühl nennen wir dann Trauer.

Auf der Stoffwechselebene sind wir jetzt bereit für einen Kampf um Leben und Tod – der Sympathikus (àTeil des vegetativen Nervensystems, der die Bereitschaft zu Kampf und Flucht ermöglicht) läuft auf Hochtouren. Vom Kopf her können wir uns einreden, die Beziehung sei erledigt, das Leben geht weiter – auch ohne idealen Partner. Aber wir brauchen uns nichts vorzumachen. Die Anhaftung an die Idee, was Glück und Beziehung für uns bedeuten und die damit verbundenen Hoffnungen und Sehnsüchte, haben sich auf der Verstandesebene noch nicht gelöst. Wir haben die Bedingungen, die zu dieser Situation geführt haben, noch nicht verstanden. Im Unterbewusstsein wittern wir daher immer noch Gefahr. Deshalb tragen wir tage- und wochenlang diese sogenannte Traurigkeit in uns. Durch unsere körperliche Reaktion wird sie noch verstärkt und unterhalten.

Auf dem Zenweg geht es nun darum, in Verspannungen und anderen Körperreaktionen, die diesen zugrunde liegenden Projektionen (wieder) zu erkennen und aufzudecken. Wir müssen durchschauen, wie wir über eine Körperreaktion, „Gefühle“ und Emotionen drüber legen.

Im Buddhismus unterscheiden wir drei unterschiedliche Körperreaktionen: angenehme, unangenehme und neutrale. Auf diese projizieren wir die ganze Vielfalt möglicher Gefühle und verstricken uns darin.

In ZEN III gehen wir mit Hilfe entsprechender Techniken tief in unseren Körper hinein. Wir versuchen die Erinnerungen, die wir während unserer Kindheit bei subjektiv erlebter Gefahr in den Körperzellen abgespeichert haben, wieder in das Bewusstsein zu holen. Als Kind können wir gar nicht unterscheiden, was gefährlich ist und was eher unserem Lebenserhalt dient. Wir missdeuten Sanktionen und Kritik sehr oft als Lebensgefahr, Ablehnung oder Zurückweisung. Das bedeutet, man muss an die frühestmögliche Andockstelle gelangen, dorthin wo die Grundsteine für die heutigen Gewohnheitsstrukturen und –muster in Bezug auf unsere Gefühle und Körperreaktionen gelegt wurden.

Zunächst geht es aber nur darum, die Gefühle/Körperreaktionen zu erkennen, die wir ständig in uns tragen.

Rückführungen in die Kindheit

Um dies zu erreichen, versuchen wir uns in frühe Kindheitssituationen zurückzuversetzen. Am besten gelingt dies über geführte Meditationen. So gehen wir von einem Lebensabschnitt zum anderen und forschen zurück bis in das früheste Kindesalter. Dabei ist es sehr wichtig, sich selbst in den gespeicherten Erinnerungen wahrzunehmen. Wie sah man aus, was war in diesem Lebensabschnitt für uns besonders wichtig? Was ist da mit mir und in mir passiert?

Das Ziel dieser Reisen ist eigentlich, die Grundgefühle zu erforschen, die sich in uns während der Kindheit zeigten: Wut, Angst und Trauer. Oft verstehen wir diese Gefühle falsch aufgrund unserer verzerrten Wahrnehmung. In der Folge gehen wir auch falsch damit um, da wir gar nicht wissen, aus welchem Grundgefühl heraus wir denken und handeln. Auch im Alltag werden wir viele Situationen aufgrund dieser gefärbten Wahrnehmung falsch einschätzen, was unsere Gewohnheitsstrukturen unglücklicherweise wiederum bestärkt.

Wenn man zum Beispiel in der Kindheit mit seinen Eltern unzufrieden ist, weil sie uns keine Aufmerksamkeit oder Liebe geben, dann tragen wir diese Unzufriedenheit fortan in uns und übertragen sie auf zukünftige Partner und andere Mitmenschen. Wir werden darüber hinaus Signale aus unserer Umgebung als beispielsweise Ablehnung missdeuten. Wir verstehen nicht, dass unsere Mitmenschen gar nicht wissen können, aus welchem Muster heraus wir agieren. Wir reagieren mit Aggression, weil wir die negativen Gefühle aus der Kindheit nicht mehr spüren möchten.

In unseren Rückführungen gehen wir etappenweise zurück und schauen Szenarien unserer Erinnerung erneut an. Wir konzentrieren uns dabei nicht auf die Kopfebene, sondern auf die Gefühlsebene.

Wir beobachten uns selbst, wie wir in diese Situation reingehen. Welche Gefühle werden dabei geweckt? In die Erinnerung hineingehen und das Gefühl betrachten – das ist an diesem Punkt für den Zenschüler die Aufgabe.

Je mehr wir uns mit unserer Vergangenheit befassen und in unserer Kindheit zurückgehen, entdecken wir, dass Gefühle, die gegenwärtig in uns stecken, in allen Altersstufen präsent sind. Als Kind haben wir keinen Schutzmechanismus und keine Filtermöglichkeiten um recht und unrecht voneinander unterscheiden zu können. Kinder sind noch gar nicht in der Lage einzuordnen, ob Impulse der Eltern gegen die Person des Kindes gerichtet sind, oder aber lediglich den persönlichen Emotionen der Eltern zuzuordnen sind, die nichts mit dem Kind an sich zu tun haben. Gleichzeitig sind Kinder noch nicht mit den kommunikativen Fähigkeiten ausgestattet, nachzufragen oder um Aufklärung zu bitten. So werden Verhaltensweisen von den Eltern sehr oft durch die Kinder falsch dekodiert. Als Eltern möchten wir dem Kind das Beste geben. Entweder hat man aber nicht genug Wissen, wie man dem Kind auf seiner Ebene die Signale direkt oder verständlich vermitteln kann, oder die Eltern haben zu wenig Zeit, um dem Kind geben zu können, was es wirklich braucht.

Das Kind ist auf die Hilfe der Eltern angewiesen, deshalb befindet es sich mehr in der passiven Rolle und Position. Die Eltern hingegen dirigieren und leben vor, welches Verhalten antrainiert werden soll. Das Kind ist wie ein Aufnahmegerät. Es sitzt dort und nimmt alles um sich herum wahr. Wenn wir dem Kind aber keine Werkzeuge für das heilsame Bewerten von Informationen vermitteln, bewertet das Kind die Impulse aus seiner eigenen Angst heraus potentiell als negative Gefühle. Durch diesen Mechanismus wiederum werden die Impulse, die von den Eltern kommen in eine falsche Richtung verstärkt.

Wenn Eltern keine Zeit für ihr Kind haben sagen sie oft: „Sei ruhig! Hier ist ein Stift und ein Blatt, versuche zu malen.“ Das Kind fühlt sich dadurch abgewiesen und abgelehnt. Da die Eltern aber die Aufgabe gegeben haben zu malen, will das Kind das Beste geben. Es will das Bild gut machen und es den Eltern präsentieren. Wenn das Kind mit dem Bild ankommt und wir nicht genügend Aufmerksamkeit geben, fühlt es sich erneut abgelehnt. Oder, was wir oft machen, wir versuchen eine Meinung darüber abzugeben, wie das Bild unserer Ansicht nach noch schöner aussieht. Natürlich meinen wir es „gut“ und versuchen in der Erzieherrolle zu zeigen, was man noch besser machen könnte: „Die Sonne könnte aber noch ein wenig runder sein, dann würde es viel schöner aussehen!“ Für ein Kind in seiner persönlichen Welt, ist die Sonne aber so wie sie ist perfekt und schön. Jetzt wird es auch noch abgewertet für das, was es mit größter Anstrengung und Hingabe gemalt hat! Das Kind fühlt sich nicht gut genug. Daher versucht es in der Folge immer wieder zu beweisen, dass es Dinge besser kann: „Um geliebt zu werden, muss ich besser sein als Andere!“ Entwicklungen dieser Art führen nach und nach zur Etablierung unserer Gewohnheitsstrukturen.

Wenn wir nicht den Mut aufbringen, uns diese Muster anzuschauen, werden wir immer wieder mit den gleichen Problemsituationen in uns und um uns herum konfrontiert werden.

Mit Wut umgehen lernen

Unsere alltäglichen Gewohnheitsstrukturen sind uns in der Regel nicht bewusst. Womit wir aber tatsächlich jeden Tag konfrontiert werden, sind Gefühle wie Wut, Angst und Trauer. Um ein tiefes Verständnis für diese Gefühle zu bekommen, müssen wir in sie hinein spüren. Wir müssen unsere inneren Bewegungen verstehen lernen. Es ist außerordentlich wichtig, sich mit der Wut auseinanderzusetzen. Wut hat die Eigenschaft, alle feineren, subtileren Gefühle zu überdecken. Wut ist eigentlich ein Mechanismus, mit dem wir die innere Unzufriedenheit über die Realität verdecken wollen. Es bedeutet, mit uns oder mit unserer Weltanschauung, unseren Vorstellungen und Wünschen stimmt etwas nicht – das wollen wir nicht sehen.

Normalerweise, wenn wir wütend sind, schieben wir das auf äußere Bedingungen: „Ja, mein Chef ist schuld, meine Frau ist schuld usw.“ Wir glauben, sie haben uns dazu veranlasst, wütend zu sein. Genau da setzen wir in der Zenarbeit an und schauen, wieso wir selbst uns wütend machen – welche Aspekte eines anderen Menschen oder einer Situation provozieren uns so, dass wir in Wutanfälle geraten?

Auf diesem Weg nach innen suchen wir nach dem inneren Schrei – es ist unser Ur-Schrei, der seit unserer Geburt in uns verborgen liegt. Der innere Ur-Schrei signalisiert: „Hilf mir!“ Da es aber ein sehr primitiver Schrei ist, nicht artikulierbar in normaler Sprache, können wir nicht ausdrücken, was wir eigentlich wirklich brauchen oder wollen. Wir haben Angst, die Wut und den Urschrei herauszuschreien. Menschen könnten uns ablehnen, verurteilen und sich lustig über uns machen.

Im Alltag geben wir manchmal auch unserer Wut Ausdruck, weil wir von unserer inneren Zerrissenheit und Unzufriedenheit weglaufen möchten. Das ist keine wirkliche Begegnung mit dem Wutgefühl. Manchmal geht man auch in die passive Wutreaktion und unterdrückt alles. In den Zenseminaren ist das anders. Dort haben wir einen geschützten Rahmen. Wir können daher solche tiefen, intensiven Gefühle herauszulassen, um zu sehen, was unter all der Wut und Aggression liegt, die sich seit Jahren angestaut haben.

Wenn wir diesen Urschrei befreien, erkennen wir, dass eigentlich keine Gefahr da ist. Die Fantasien und Wahnideen haben keine Grundlage mehr. Dadurch können wir die Realität erneut überprüfen. So gelangen wir auf die nächste, befreitere Stufe der Gefühle, da die Panik- und Gefahrsituation beseitigt ist. Wir können nun beginnen, mit den subtileren Gefühlen in uns Kontakt aufzunehmen.

Die Dynamik der Wiedergeburt

Im Buddhismus gehen wir davon aus, dass wir wiedergeboren werden. Mit der Wiedergeburt bringen wir auf der Grundlage des bedingten Entstehens (noch Anmerkung einfügen) bereits bestimmte Gewohnheitsstrukturen in das neue Leben mit. Wir suchen uns dafür eine angenehme Umgebung, das heißt ein Umfeld, welches uns „emotional“ vertraut ist. Wir wählen die Eltern aus, die zu unseren Gewohnheitsstrukturen passen. Dieser Auswahlprozess erfolgt nicht über den klaren Verstand, sondern nur über das intuitive Gefühl. Während des Wiedergeburtsprozesses sind viele Ängste vorhanden, so dass wir uns aus diesen heraus an einen (emotional) bereits vertrauten Ort flüchten. Dies erscheint uns angenehmer als in den Ängsten zu bleiben.

In dem neuen Leben bringt das Baby bereits einen vorgeformten Charakter mit auf die Welt. Dadurch „zwingt“ das Kind die Eltern, es dementsprechend zu behandeln, wie es das will (und offenbar braucht). Wir alle kennen Babies, die leicht zugänglich und freundlich sind, andere die immer nur schreien oder/und die Milch verweigern. Manche Kinder kommen bereits schwer krank zur Welt, werden viel zu früh geboren oder haben eine komplikationsreiche Geburt.

Befreiung von Projektionen

Wenn wir erwachsen sind, projizieren wir unsere Probleme immer wieder auf unsere Eltern. Dabei vergessen wir, dass wir selbst aufgrund unserer karmischen Konstellationen für die Wahl unserer Eltern verantwortlich sind. Wir versuchen dennoch, die Schuld für unser jeweiliges Leid bei unseren Eltern oder anderen, meist nahestehenden Personen zu suchen: „Du hast mich auf die Welt gebracht, also bist Du schuld an meinem Leid!“

Die Anhaftung an diese Art zu denken sollte man loslassen lernen. Denn sonst geht es in der inneren Arbeit nur um Schuldzuweisungen – was nicht Sinn und Zweck sein kann. Daher ist es sehr wichtig, die Eltern von der Schuldzuweisung zu entlasten. Wenn wir die Schuld von unseren Eltern lossprechen können, können wir unsere eigenen Probleme und Anteile wesentlich klarer erkennen.

Durch Familienaufstellungen zeigen wir, warum man immer wieder bestimmten Konstellationen begegnet. Jeder schafft sich seine Probleme aus seiner eigenen Welt und seinen individuellen Grundängsten heraus. Schuldzuweisungen nach außen, sind daher nicht förderlich. Es geht vielmehr darum, ein Verständnis für die jeweilige Familienstruktur zu entwickeln. Welche psychodynamischen Prozesse finden allein aufgrund der Interaktionsmuster der Familienmitglieder statt?

Es geht darum, wirklich klar zu sehen, wo Probleme herkommen und nicht darum, die Schuld immer wieder auf andere zu schieben. Haben wir dies in der Tiefe verinnerlicht, werden unsere zwischenmenschlichen Beziehungen spürbar entlastet. Wir durchschauen unsere „Spiele“ und die Spiele der Anderen und können sie nach und nach getrost los lassen. Je entspannter sich die Beziehungsstrukturen in unserer unmittelbaren Umgebung gestalten, umso mehr Kraft und Energie haben wir letztendlich für unsere eigene, innere Weiterentwicklung und Befreiung zur Verfügung.