Archive for Juli 2008
Privataudienz der Sangha Pagode Phat Hue bei dem Ehrw. Thich Nhat Hanh
Frage des Ehrw. Thich Thien Son, Abt der Pagode Phat Hue:
„Unsere junge Sangha verfolgt in ihrer Praxis momentan zwei Ziele gleichzeitig: Einerseits wollen wir die traditionellen Aspekte unserer Praxis aufrechterhalten. Andererseits möchten wir Harmonie und Leichtigkeit kultivieren. Bis heute fällt es der Sangha schwer, eine Balance zwischen diesen beiden Ansätzen zu finden. Man tendiert entweder in das Extrem, sich strikt an die Tradition zu halten oder aber geht nur noch seinen Begierden nach. Hochehrwürdiger Thich Nhat Hanh, wie kann es unserer jungen Sangha gelingen, Harmonie zu etablieren und gleichzeitig der traditionellen Praxis gerecht zu werden?“
Antwort des Ehrw. Thich Nhat Hanh (Su Ong):
“Eine Praxis ist gut, wenn sie effektiv ist. Eine Methode ist eine gute Methode, wenn sie effektiv ist – ganz egal ob sie traditionell ist, oder nicht. Effektiv bedeutet, dass sie in der Lage ist, Harmonie zu erzeugen. Es ist der bedeutendste Aspekt eines Ordinierten, durch die eigene Praxis Harmonie unter den Sanghamitgliedern zu kultivieren. Wenn die Praxis keine Harmonie erzeugt, ist es keine gute Praxis, keine gute Methode. Ist das klar genug? Wenn ihr eure Praxis jede Woche im Bezug auf dieses Kultivieren von Harmonie überprüft und ihr könnt keinerlei Fortschritt feststellen, dann muss die Methode geändert werden. Habt ihr einen kleinen Fortschritt gemacht, dann ist das ok – eine wirklich deutliche Veränderung kann man erst nach drei Monaten erkennen. Es ist also sehr wichtig für eine Sangha, die eigene Praxis jede Woche zu überprüfen, um zu erkennen, dass sie sich auf dem richtigen Weg befindet. Die Praxis zielt nicht auf einen Elitestatus oder eine Führungsposition einzelner Sanghamitglieder innerhalb der Gemeinschaft ab – es geht nicht darum, etwas Besonderes zu sein. Es ist nicht die Position des Abtes oder des Leiters eines Tempels die dazu führt, dass Menschen deinem Ratschlag folgen – es ist die von dir erreichte Freiheit von Verlangen und Wut. Menschen werden dir aufgrund deiner Einsicht und deines Mitgefühls zuhören, nicht aufgrund deiner Position oder deines Titels, nicht weil du ein „Großer Bruder“ oder eine „Große Schwester“ bist – Ziel ist es daher, eine harmonische Brüder- und Schwesternschaft zu kreieren.
Spirituelle Stärke kommt aus der Freiheit von Verlangen und Wut. Überprüfe deine Praxis. Verbessere deine Praxis. Bringt eure Praxis Harmonie in die Sangha? Um eine solide, gefestigte Sangha zu schaffen, benötigt es zu allererst Harmonie. Nur als harmonische Sangha könnt ihr Menschen, vielen Menschen helfen. Sie werden zu tausenden zu euch kommen. In Plum Village wird nicht um Führungspositionen gekämpft. Die Mönche und Nonnen hier agieren wie die Bienen eines Bienenstockes. Ich vergleiche die Mönche und Nonnen in Plum Village gerne mit Bienen. Jedes einzelne Sanghamitglied hat seine Qualitäten und seine Arbeit. Aber die Sangha entscheidet darüber, in welcher Position man eingesetzt wird. Wir zusammen sehen genau, dass ein Mitglied der Sangha bestimmte Fähigkeiten oder Erfahrungen auf einem Gebiet hat. So wird diese Person zum Wohle der ganzen Sangha in diesem Bereich eingesetzt.
Wie man Harmonie schafft
Um Harmonie in einer Sangha zu kreieren, muss man das Leid und die Probleme aller Sanghabrüder und –schwestern verstehen. Wie kann man das Leiden der anderen Sanghamitglieder in der Tiefe verstehen? Indem man tiefes Zuhören praktiziert. Wenn es aufgrund von Geschäftigkeit und Arbeit für den Tempel keine Zeit gibt, um sich gegenseitig tief zuzuhören, dann werdet ihr niemals das Leiden der Menschen um euch herum verstehen können. Und dann seid ihr nicht in der Lage, Harmonie zu schaffen. Nehmt ihr euch die Zeit, euren Brüdern und Schwestern wirklich zuzuhören? Es ist von solch enormer Bedeutung, sich zuzuhören, sich ausreden zu lassen und nicht zu unterbrechen. Auch wenn ihr jemandem zuhört und euch vollkommen klar seid, dieser Jemand präsentiert bloß falsche Wahrnehmungen – unterbrecht sie oder ihn nicht. Ihr mögt vielleicht wissen „Die Person liegt falsch“ aber dennoch sollte man darum bitten, zwei Tage über den Konflikt nachzudenken und zu reflektieren. Ihr gebt der Person dadurch die Gelegenheit, das eigene Leiden zu transformieren.
Heute Morgen fragte mich ein Mann: „Worin besteht die Verbindung von Nicht-Selbst, Leerheit und den 5 Achtsamkeitsübungen?“ Ich antwortete, dass die Praxis der 5 Silas nicht nur Harmonie in der Sangha schafft, sondern gleichzeitig ein Verständnis des Nicht-Selbst bringt. Praktiziert man auch nur eine der 5 Übungen mit tiefem Verständnis, praktiziert man alle 5 und lässt von seinem Selbst zunehmend los.
Lasst Ärger und Wut nicht lange unter den Sanghamitgliedern verweilen. Er wird euren Geist und eure Praxis zerstören. Er muss innerhalb von 2 Tagen aufgelöst werden. Kannst du deinen Ärger und deine Wut nicht verbal zum Ausdruck bringen, dann tue es, indem du es auf ein Stück Papier schreibst und dieses der Person gibst. Wenn man das Problem nicht alleine lösen kann, sollte man die anderen Sanghamitglieder um Hilfe bei der Problemlösung bitten. Es ist wichtig, dass wir ein Problem nicht zu lange in uns tragen. In Plum Village haben wir für die Besprechung solcher Disharmonien ein wöchentliches Treffen, das wir „Beginning anew“ nennen – übersetzt heißt das soviel wie „Auf ein Neues“. Zunächst teilt man der betreffenden Person mit, welche positiven Qualitäten wir in ihr sehen. Wir machen uns bewusst, dass die Person, mit der wir ein Problem haben, nicht nur negative Aspekte in sich trägt. Danach drücken wir Bedauern aus für unheilsame Handlungen, die wir der Person gegenüber begangen haben. Dann erst sagen wir der Person: „Ich fühle mich verletzt und bitte um Hilfe.“ Wir nennen die Ursache für unser Leiden. Indem wir so vorgehen, können wir nun zusammen an einer Lösung des Problems arbeiten.
Die Bruder- und Schwesternschaft ist am bedeutendsten und grundlegendsten in einer Sangha. Wahrhaft spirituelle Kraft ist die Freiheit von Verlangen und Wut. Wir müssen uns die Zeit nehmen, wirklich zuzuhören um tiefes Verständnis zu entwickeln. Nur so können wir zu einer wirklich gefestigten Sangha werden.”
Den Geist verstehen
Der folgende Text wurde auf der Grundlage des gleichnamigen Vortrags, den der Ehrw. Dhammadipa am 13. April 2008 in der Pagode Phat Hue Frankfurt gehalten hat, erstellt.
Gestern haben wir über das Herz gesprochen – heute sprechen wir über den Geist. In der chinesischen und der vietnamesischen Sprache ist es das Gleiche (à das heißt, xin bedeutet sowohl Herz wie auch Geist im Chinesischen). Wenn das Herz geöffnet ist, ist der Geist auch offen und umgekehrt.
In der buddhistischen Tradition ist Geist (mano, citta) definiert als etwas, das an ein Objekt denkt oder ein Objekt wahrnimmt, versteht und (von einem anderen) unterscheidet. Durch den Geist (er)leben wir.
Die Natur des Geistes
Vor etwa zwei Jahren flog ich aus Kathmandu nach Sri Lanka und ich musste in Mumbai umsteigen. Es war sehr spät in der Nacht, morgens gegen 2 Uhr habe ich am Flughafen in der Cafeteria gesessen. Da kam ein junger Mann zu mir und hat mich gefragt: „Ehrwürdiger, was meinen Sie, wer kann uns retten?“ Ich habe überlegt, was ich sagen soll. Er trug ein Kreuz um den Hals und wollte sicherlich hören, nur Jesus oder Gott können uns retten – also wie sollte ich reagieren? Ich habe dann geantwortet: „Der Geist kann uns retten.“ Das hat ihn verwirrt. Er wusste nicht, was das bedeutet, wie der Geist uns retten soll.
Das ist sehr schwer zu verstehen. Aber das Verständnis vom Geist ist eigentlich die Essenz des Buddhismus. Im Christentum und auch in den meisten indischen Religionen glaubt man, dass nur jemand oder etwas, außerhalb von uns selbst existierend – wie Gott oder ein Schöpfer – die Menschheit aus Mitleid retten kann. Im Buddhismus ist das ein bisschen anders. Obwohl es im Mahayana-Buddhismus viel Hilfe von den Bodhisattvas (siehe Anmerkung 1) gibt, wie zum Beispiel Manjushri und Tara. Sie haben ähnliche Funktion wie die Götter im Hinduismus. Dennoch sind sie letztendlich nur Tugenden des Geistes. Wenn man sie sich als etwas Äußeres vorstellt, ist das nicht mehr buddhistisch.
Die Lehre von Buddha besagt, dass wir für unseren Geist selbst verantwortlich sind. Dadurch sind wir auch für die Welt verantwortlich! Denn alles, was wir erfahren können, ist nur durch unseren Geist erfahrbar. Aus buddhistischer Sicht ist der Geist nicht mit dem „Konzept Gott“ in anderen Religionen vergleichbar. Der Geist mano, so wie der Buddha ihn zu Beginn des Dhammapada beschreibt, lenkt unsere Wahrnehmung der Welt und formt damit die Erfahrungen, die wir in der Welt machen (siehe Anmerkung 2). Er ist dabei nicht als eine „Instanz“ außerhalb der fünf Skandhas (siehe unten) zu sehen. Der Geist gehört genauso zu uns wie unser Körper – beide sind unsere Instrumente zur Wahrnehmung und Orientierung in der Welt.
Der Buddha hat alles, was wir in der Welt erfahren können in den fünf Aggregaten der Existenz zusammengefasst. Er nannte diese „Kategorien“ fünf Skandhas oder Kandhas.
1. Körperlichkeit (rupakkhandha),
2. Empfindung (vedanakkhanda),
3. Wahrnehmung (sannakkhandha),
4. willensbedingte Gestaltungskräfte (sànkharakkkahandha) und
5. koordinierendes geistiges Bewusstsein (vinnanakkandha).
In den Schriften wird gesagt, unser Geist regiert die Welt und „fasst sie zusammen“. Alle Phänomene stehen unter der Schirmherrschaft unseres Geistes. Was heißt das? Die Qualität und die Erfahrung der Phänomene hängt davon ab, wie wir sie wahrnehmen und wie wir sie voneinander unterscheiden.
Damit wir überhaupt etwas wahrnehmen können, muss unser Geist mit den Objekten Kontakt aufnehmen (Pali: phassa). Die Objekte der Wahrnehmung, Geistobjekte, bezeichnet man in Pali als Dhamma.
Um Klarblick (vgl. hierzu die Vipassana-Methode der Meditation) entwickeln zu können, muss unser Geist bei den Wahrnehmungsprozessen imstande sein, „fest auf den Objekten sitzen zu bleiben“. Wenn er wie ein Affe im Baum hin und her springt, in Pali würde man sagen „wackelt“, führt das zu Verwirrung. Unruhe im Geist ist daher zu vermeiden.
Die Erfahrung der Welt aus buddhistischer Sicht
Der Buddha fragt nicht, woher die Welt kommt, er fragt woher Leiden kommt. So lange wir in Unwissenheit über die Dynamik unserer Leiderfahrung verharren, können wir das Wesen der Welt nicht verstehen. Denn das individuelle Erleben von Leid und Unzufriedenheit färbt unsere subjektive Wahrnehmung von der Welt.
Buddha sagt, dass die Welt, wie wir sie erfahren, aus einer Vielfalt von Phänomenen, jeweils bestehend aus den fünf Skandha (siehe oben), zusammengesetzt ist. Diese Phänomene sind durch vielschichtige Bedingungen miteinander verbunden (à Bedingtes Entstehen, siehe Anmerkung 3). Sie entstehen durch eine Reihe von Ursachen. Es ist daher aus buddhistischer Sicht nicht möglich, dass es nur eine Ursache, wie zum Beispiel einen göttlichen Schöpfer, für die Welt gibt. Viele Bedingungen und Faktoren zusammen führen zur Existenz und Erfahrung der Welt wie wir sie tagtäglich erleben.
Befreiung durch Wissen
Die Verantwortlichkeit für die Welt und für das Leiden liegt völlig bei uns selbst. Dies unterscheidet den Buddhismus von theistischen Religionen. Niemand kann uns retten – nur wir selbst. Leiden, welches wir erfahren, entsteht durch eine innere Unzufriedenheit, die wir aufgrund der Diskrepanz zwischen unseren Sehnsüchten und der Realität selbst erzeugt haben. Es gibt Leute, die glauben, dass Buddhismus sehr pessimistisch ist, weil er nur von Leiden in der Welt spricht. Aber das ist ein Missverständnis. Denn wenn Nichtwissen die Ursache für das Leiden in dieser Welt ist, dann ist die buddhistische Philosophie sehr optimistisch, weil wir dann durch Wissen Leiden beseitigen können. Nicht ein Gott, sondern Wissen kann Leiden beseitigen. Wissen entsteht durch die richtige Einschätzung unserer Wahrnehmung des Geistes. Deswegen kann man sagen, der Geist kann uns retten.
Voraussetzung dafür ist ein in sich ruhender und klarer Geist. Dann können wir die Entstehung des Leids, dessen Vergänglichkeit und auch den Weg aus dem Kreislauf des Leids verstehen (siehe Anmerkung 4). Auf diese Weise haben wir dann das Rätsel der Welt gelöst und kommen unserer eigenen Befreiung einen großen Schritt näher.
Anmerkungen:
- Bodhisattva: „Erleuchtungswesen“, ein zur zukünftigen Buddhaschaft bestimmtes Wesen. Er Bodhisattva wird erst dann in die eigene, vollständige Befreiung (Nirvana) eintreten, wenn alle fühlenden Wesen von ihrem Leid erlöst sind.
- Dhammapada 1.1 „Alle Dinge entstehen im Geist, sind unseres mächtigen Geistes Schöpfung.“
- Die zwölfgliedrige Kette des bedingten Entstehens lautet (in Kurzform):
1. Nichtwissen (avijja)
2. Gestaltungen (sankhara)
3. Bewusstsein (vinnana)
4. Geist und Materie (nama rupa)
5. Erfahrung durch die sechs Sinne (salayatana)
6. Kontakt (phassa)
7. Empfindung (vedana)
8. Verlangen/Durst (tanha)
9. Ergreifen und Anhaften (upadana)
10. Werdeprozess (bhava)
11. Wiedergeburt (jati)
12. Altern und Sterben (jara-marana)
- Vergleiche hierzu die von Buddha nach seiner Erleuchtung gelehrten „Vier edlen Wahrheiten“:
1. Dukkha – Das Leben im Daseinskreislauf ist leidvoll.
2. Samudaya – Die Ursachen des Leidens sind Begehren, Abneigung und Unwissenheit.
3. Nirodha – Durch das Erlöschen der Ursachen erlischt das Leiden.
4. Magga – Zum Erlöschen des Begehrens (und damit des Leidens) führt der „Edle Achtfache Pfad“ (à reche Sicht, rechte Entschlossenheit, rechtes Reden, rechtes Handeln, rechter Lebensunterhalt, rechtes Bemühen, rechte Aufmerksamkeit, rechte Konzentration).
Fragen und Antworten – Session mit dem Ehrw. Thich Nhat Hanh
im Rahmen des Sommer-Retreats, Plum Village, 12.07.2008
Übersetzung aus dem Englischen
1. Frage: (Kind fragt) „Warum habe ich mir ausgerechnet am ersten Tag meiner Ferien den Arm gebrochen?“
TNH: „Das ist eine sehr schwierige Frage! Ich denke, Deine Frage hat etwas mit Achtsamkeit zu tun: mit Deiner eigenen Achtsamkeit und der Deiner Umgebung.
Du kannst jede Menge aus dem lernen, was passiert ist. Denn wenn Du es verstehst, aus Deinem Leid zu lernen, kann sich dieses Ereignis am Ende als sehr nützlich für Dich erweisen. Wenn Du achtsamer wirst und lernst, den momentanen Zustand Deines linken Arms anzunehmen, wirst Du dann später wenn Dein Arm wieder gesund ist, viel glücklicher sein als zuvor. Es ist wie mit Zahnweh: bevor die Zahnschmerzen angefangen haben, warst Du vielleicht nicht gerade glücklich. Aber als die Zahnschmerzen dann endlich vorbei waren, warst Du glücklicher als je zuvor. Das Leben ist manchmal sehr schön und manchmal läuft es nicht so gut. Sorge Dich nicht!“
2. Frage: „Wenn jemand sich dazu entschließt, Mönch oder Nonne zu werden, muss er oder sie dann sein Leben „opfern“?
TNH: „ Du brauchst nicht Dein Leben zu opfern. Du brauchst überhaupt gar nichts zu opfern. Bevor Du Mönch wirst, hast Du die Gelegenheit andere Mönche zu treffen und hast gesehen wie sie leben. Mönch zu werden, bedeutet das eigene Leben zu transformieren: es bringt Freude und Frieden für Dich und die Menschen in Deiner Umgebung. Ganz allgemein verbessert es die Lebensqualität – das hat nichts mit dem Opfern des eigenen Lebens zu tun. Hinter Reichtum, Ruhm, Einfluss und Sex hinter her zu jagen bringt viel Leid mit sich – so lernt der, der Mönch werden will, sich von diesen Dingen fernzuhalten. Er strebt nach mehr Frieden, Glück und Leichtigkeit im Herzen. Dies alles ist eine wichtige Grundlage, um wirkliches Glück zu erfahren. Du hörst also nicht auf, das Leben zu genießen, wenn Du Mönch wirst und musst auch nicht Dein Leben opfern – das Gegenteil ist der Fall!“
3. Frage: „Sind Sie zufrieden mit dem, was Sie in Ihrem Leben bisher erreicht haben oder gibt es da noch etwas, was Sie erreichen möchten, bevor sie gehen?“
TNH: „Zu aller erst: ich habe nicht vor zu gehen – in welcher Form auch immer (Publikum lacht). Wenn ich mich nicht in dieser Form manifestiere, dann tue ich das eben in einer anderen Form. Ich versuche, für eine sehr lange Zeit unter den Lebendigen bleiben – friedlich und achtsam – unabhängig von der Manifestationsform.
Mit Achtsamkeit kann ich viel tiefgründiger leben und ich bin imstande, mich selbst zu heilen und zu nähren. Gleiches gilt für die Menschen und anderen Wesen in meiner Umgebung. Manche Menschen streben nach Glück in der Zukunft – ich bevorzuge es, das Glück im Hier und Jetzt zu erfahren. Achtsames Atmen und meditieren unterstützen dies. Sie ermöglichen mir mehr Glück und Freude.
Ich habe das Gefühl von Erfüllung und innerer Zufriedenheit, wann immer ich Leiden vermindern kann. Und dies kann ich hier in diesem Augenblick tun – ich brauche nicht auf morgen zu warten!“
4. Frage: „Ich bin 10 Jahre alt und ich möchte gerne wissen, warum mein Vater dazu tendiert, immer so wütend zu werden. Wenn ich dann seine Nähe suche, wird er noch wütender. Ich weiß nicht, was ich tun kann!“
TNH: „Ich bin mir sicher, Du hast die praktische Übung „Wie man zur Blume wird“ bereits gelernt? Einatmen und ausatmen und sich frisch und lebendig fühlen – wie eine blühende Blume. Das ist eine Übung, die von jedem gemacht werden kann – egal ob jung oder alt. Es ist eine sehr sichere Übung. Also, wenn Dein Vater wütend wird, dann versuche, zu dieser Blume zu werden. Das wird Dir selbst und Deinem Vater helfen! Es ist immer wieder schön, eine Blume zu sehen. Und wenn er zu wütend wird, wenn Du seine Nähe suchst – dann lass ihn lieber in Ruhe! Das Beste, was Du in diesem Moment tun kannst, ist zur Blume zu werden. Ein anderer Vorschlag: wenn er mal nicht wütend ist, dann weißt Du, das ist jetzt Deine Gelegenheit. Dann gehst Du zu ihm und sagst etwas wie „Vater, heute Morgen warst Du echt wütend und ich habe versucht, Dir zu helfen, aber Du warst nicht ansprechbar und so habe ich versucht, Dir zu helfen, indem ich die Übung „Zu einer Blume werden“ praktiziert habe. Ich habe versucht, Dich auf diese Weise zu unterstützen! Wann immer Du in der nächsten Zeit wütend wirst, bitte gib mir etwas Zeit, diese Übung für Dich zu machen. Sie wird uns beiden helfen.“ Wenn Du so vorgehst, wird er das nicht als Provokation empfinden und Eure Beziehung wird sich verbessern.“
5. Frage: „Was ist der wichtigste Punkt in Bezug auf das Mönch- oder Nonnen-sein?“
TNH: „Mein erster Gedanke ist, dass eigentlich alles wichtig ist. Wenn Du Dir das Leben eines Mönchs oder einer Nonne anschaust, kannst Du sehen, dass sie in jedem Augenblick versuchen, achtsam zu sein – egal was sie gerade tun: beim Sitzen, Gehen, dem Studieren der Sutras oder beim Anderen helfen. Alles, was mit Achtsamkeit und Konzentration praktiziert wird, ist gleichermaßen wichtig. Wenn Du Deine Aufmerksamkeit auf jede Deiner Handlungen richtest, wird jede Handlung wichtig, sogar das Reinigen der Toiletten. Du solltest alles was Du tust, zu etwas ganz Wichtigem machen. Alles, was Du tust ist gleich wichtig und zwar nur deshalb, weil Du es mit Achtsamkeit praktizierst.“
6. Frage: „Glauben Sie an die Reinkarnation?“
TNH: „Ich glaube an die Kontinuität. Ich habe schon über die Wolke gesprochen: eine Wolke kann niemals sterben. Sterben würde bedeuten, etwas wird plötzlich zu nichts. Eine Wolke kann aber lediglich zu Regen, zu Schnee, zu Eis oder zu Nebel werden. Aber eine Wolke kann nicht zu nichts werden! Das gleiche gilt für menschliche Wesen: wie eine Wolke, kann man in vielen verschiedenen Formen fortbestehen, aber man kann nicht zu nichts werden. Wenn Du also das Fortbestehen als Reinkarnation betrachtest, ja, dann glaube ich an die Reinkarnation. Das bedeutet aber nicht, dass es da einen Geist gibt, der unabhängig vom Körper existiert. Also, wenn der Körper sich auflöst, tritt er aus und sucht einen anderen Körper für die Reinkarnation. Das hat nichts mit dem Fortbestehen wie ich es verstehe zu tun. In der Tat – dies ist ein sehr interessantes Feld für weitere Überlegungen und Forschungen!“
7. Frage: „Wenn wir uns in einer leidvollen Situation befinden, was sollen wir tun? Die Situation akzeptieren wie sie ist (also nichts tun) oder die Situation verändern (also etwas tun)?“
TNH: „Es gibt zwei unterschiedliche Vorgehensweisen, die von Buddha empfohlen wurden.
1. die Natur des Leids erkennen
Du bist achtsam und Achtsamkeit hilft Dir dabei, zu erkennen, dass etwas in einem gegebenen Moment leidvoll ist. Aber jetzt (entschließe ich mich), meinem Leid ein Lächeln zu schenken. Es ist, als ob Du das Leid in Deinem Arm hältst und versuchst, von ihm zu lernen. Wir können immer von unserem Leid lernen. In der Tat ist es so, dass diejenigen, die nie wirklich Leid erfahren haben, auch keine Chance haben, echtes Mitgefühl zu entwickeln und zu verstehen. Wir lernen Mitgefühl zu verstehen, weil wir selbst Leid erfahren haben. Das wäre also die erste Möglichkeit: Du erkennst Dein Leidphänomen. Du kannst es für eine Weile festhalten, es verstehen lernen und dann Mitgefühl für Dein eigenes Leid entwickeln.
2. Das Leid – die Situation – verändern
Stell Dir vor, Du besitzt eine Diskothek mit ganz vielen Cds – wenn Du eine CD, die gerade gespielt wird, nicht magst, legst Du einfach eine andere ein, die Du lieber hörst. In Deinem Kopf hast Du jede Menge CDs und Du kannst sie austauschen, in dem Du Achtsamkeit auf den Atem übst. Du kannst so die mentalen Formationen verändern. Du kannst sogar Deine Mutter und Deinen Bruder um Unterstützung bei Deinen Bemühungen bitten, solltest Du es alleine nicht schaffen. Bitte sie, dass sie Deine Gedanken umlenken helfen, auf etwas was Freude bringt und glücklich macht. Das wird Dir helfen, Freude und Glück zu entwickeln. Wenn Du diese Gefühle dann weiter kultivieren kannst, ist das ein Weg, um die CD auszutauschen. Mit anderen Worten: Du wirst so die geistigen Formationen verändern können. Du verfügst über viele verschiedene geistige Formationen – das Leid in seinen unterschiedlichen Ausprägungen ist nur ein kleiner Teil von den Möglichkeiten, die Du hast. Das bedeutet, mit der Hilfe und Unterstützung von anderen kannst Du lernen, Dein Leid zu transformieren und später schaffst Du das dann auch selbst – ohne die Hilfe von außen.“
8. Frage: „Christentum und Buddhismus sind sich in Bezug auf die jeweiligen Kernaussagen sehr ähnlich – warum aber vertreten sie dann zum Teil so unterschiedliche Ansichten?“
TNH: „ Diese Frage ist eine große Illusion. Sogar innerhalb des Christentums erklären die Leute die gleichen Dinge auf sehr unterschiedliche Weise. Dasselbe gilt natürlich auch für den Buddhismus. Es ist somit logisch, dass Buddhismus und Christentum die Dinge unterschiedlich erklären. Aber auch wenn Menschen dies tun, sollten sie die Kernaussage verstehen. Jede Ausführung hat ihre Kernaussage und diese sollte verstanden werden. Wir sollten alle diese Kernaussagen zusammen tragen, um daraus so etwas wie eine „kollektive Einsichtsmöglichkeit“ zu schaffen – mit den Mitteln der Synthese. Die Aussagen, die sich zunächst vielleicht widersprechen, ergänzen sich vielleicht, wenn man sie genauer anschaut – dies zu erkennen, würde uns auf eine höhere Ebene des Verständnisses bringen. Wenn Du wirklich in der Tiefe zuhörst und tief darüber reflektierst, erkennst Du die Essenz der Dinge und kannst zu einer höheren Ebene von Verständnis, Weisheit und Einsicht gelangen.“
9. Frage: „Ich habe eine Langzeitbeziehung und nun ist zwischen meinem Partner und mir etwas vorgefallen, so dass ich ihm nicht mehr vertrauen kann. Die Sache ist, ich will ihn (noch) nicht verlassen und weiß daher nicht, was ich tun kann.“
TNH: „Wenn es sich um wahre Liebe handelt, dann gibt es da Respekt und Vertrauen. Wenn Du also dieser Person nicht mehr vertraust und sie nicht mehr respektieren kannst, dann bedeutet das, dass da keine wahre Liebe mehr ist. Wenn Du aber immer noch an dem Partner hängst, müssen wir uns anschauen, ob dies wirklich aufgrund von Liebe oder aus einem anderen Grund so ist. Wahre Liebe kann jede Menge Zufriedenheit und Glück bescheren. Aber was ist wahre Liebe? Sie kann auch jede Menge Leid verursachen! Du musst Dir wirklich anschauen, ob Du ihn noch liebst oder nicht. Ich denke, Du brauchst dafür etwas Zeit, um wirklich in der Tiefe hinzuschauen. Warum hast Du mir dieses oder jenes angetan? Du solltest nachfragen. Vielleicht magst Du einen langen Brief schreiben, um Deine Situation und Deine Gefühle zu erklären. Das gibt dem Partner auch genug Zeit, um für sich selbst darüber zu reflektieren. Vielleicht verändert sich die Person und ist nicht mehr so wie vorher. Das kann zutreffen oder auch nicht. Beschuldige ihn nicht – wenn Du ihn immer noch ein bisschen magst, gib ihm nochmal eine Chance. Frage nach einer Erklärung und denke in der Tiefe über alles nach, um die Wurzel und die wirkliche Ursache für die begangene Handlung zu erkennen.“
10. Frage: „Meine Eltern vertrauen mir nicht mehr – was kann ich tun?“
TNH: „Ich habe immer wieder viele junge Leute in meinen Retreats, die ähnliche Probleme haben. In solchen Fällen ist es sehr gut, wenn die Eltern ebenfalls am Retreat teilnehmen. Dann kann der ganzen Familie bei den Transformationsprozessen geholfen werden. Manchmal ist die Kommunikation nach so einem Retreat wieder möglich. Denn Du erkennst dann das Leid Deiner Mutter und Deines Vaters. Wenn sie aber das Dharma nicht kennen und auch nicht praktizieren, dann wird es schwierig. Aber während eines Retreats kann man diese Dinge lernen.
Hier ein Beispiel einer Tochter, die Probleme mit ihren Eltern hatte. Mit einem gewissen Maß an Verständnis kam sie zurück nach Hause und konnte zu ihren Eltern sagen: „Bitte, Mutter und Vater: erzählt mir über Eure Schwierigkeiten und Euer Leid. Ich möchte es wirklich verstehen!“ Das ist der richtige Ansatz! Mit Hilfe der Praxis des tiefen Zuhörens wirst Du sie verstehen können und nach einer Stunde oder so merkst Du den Unterschied. Wenn Du wirklich in der Tiefe zuhörst, wird das ihre Herzen öffnen. Bitterkeit, Beschuldigungen und Hass werden weniger werden. Wenn Du nicht weißt, wie man achtsam atmet, kann es sein, dass die Situation aus dem Ruder läuft. Dann wirst Du in negative Emotionen kommen und Dich darin verlieren. Deshalb solltest Du lernen, dem Leid der anderen zuzuhören. Du solltest auch dann noch zuhören, wenn die andere Person Dir Dinge erzählt, die nicht korrekt sind. Die anderen Menschen haben die Möglichkeit verdient, über ihr Leid zu sprechen. Du wirst sie daher nicht unterbrechen – meine empfohlene Praxis lautet: einfach nur in der Tiefe zuhören! Vielleicht hast Du später die Gelegenheit, ihre Wahrnehmung und ihre Informationen zu korrigieren. Aber für diesen Moment gilt: nur zuhören. Und Du solltest dies mit Deinem ganzen Herzen tun. Diese Art des tiefgründigen Zuhörens wirkt sehr heilsam. Es kann eine Situation komplett verändern. Manche Menschen haben mit dieser Technik ihre Beziehungen und Kommunikationsmuster zum Guten wenden können.“
11. Frage: „Wie kann man mit intensiven Emotionen umgehen? Was sind Gefühle eigentlich?“
TNH: „Gefühle – es gibt da einen Fluss von Gefühlen, der in uns fließt. Wenn Du diesen Strom betrachtest, siehst Du angenehme, neutrale und unangenehme, schmerzhafte Gefühle. Wenn wir noch genauer hinschauen, sehen wir, dass sie entstehen, einen Moment bleiben und dann wieder vergehen. Wir tragen jede Menge neutraler Gefühle in uns. In der Tat ist es so, dass sie das meiste Wasser in unserem Fluss bereitstellen. Diese Gefühle sind weder angenehm noch unangenehm oder schmerzhaft. In unserer Praxis lernen wir, diese neutralen Gefühle in angenehme zu transformieren. Wenn Du nicht weißt, wie man Achtsamkeit praktiziert, dann akzeptierst Du einfach was gerade da ist und nimmst es an.
Wir wissen, dass das Leben ein Wunder ist – in uns und um uns herum. Wenn wir die Achtsamkeit wirklich ernsthaft praktizieren, dann werden wir all diese Wunder in uns selbst und in unserer Umgebung wahrnehmen. So kann dann ein neutrales Gefühl in ein angenehmes und wunderbares transformiert werden. Wenn Du Zahnweh hast, hast Du gewöhnlich schmerzhafte Empfindungen. Wenn Du keine Zahnschmerzen hast, beschreibst Du Deine Gefühle als neutral, aber eigentlich sind es angenehme Gefühle. Keine Zahnschmerzen zu haben, ist doch eine wunderbares Sache! Ja, ein Wohlgefühl sollte nun wirklich nicht als neutral empfunden werden, sondern als etwas Wunderbares!“
„Weltliche und spirituelle Macht“ –
aus einer Dharmarede des Ehrw. Thich Nhat Hanh, Plum Village 13.07.2008
Übersetzung aus dem Englischen
Ein Collegestudent wandte sich mit folgendem Anliegen an mich: als Student hat er eine ganze Menge Ehrgeiz zu lernen und erfolgreich zu sein bzw. zu werden. Ja, man kann sagen, dass Ehrgeiz in unserer Gesellschaft sehr notwendig ist, um Erfolg haben zu können. Er wollte nun wissen, ob Ehrgeiz und Erfolg grundsätzlich etwas Schlechtes sind. Ich antwortete, dass Ehrgeiz und Erfolg in Kombination mit Achtsamkeit etwas sehr Gutes und Effektives sein können.
Letztendlich geht es um Macht – die Frage der Macht ist eine sehr wichtige Frage. Viele von uns haben in ihrem Leben Macht zu spüren bekommen, ohne vielleicht jemals selbst welche inne gehabt zu haben. Als Kinder spürten wir die Macht unserer Eltern. Vielleicht gebrauchen Sie in der Interaktion mit uns immer noch die Macht und Autorität einer Mutter und die eines Vaters. Kinder hingegen tendieren immer eher dazu, sich hilflos und machtlos zu fühlen. Aber es gibt auch Eltern, die sich machtlos fühlen, zum Beispiel weil sie ihren Kindern nicht helfen können. Unsere Macht ist immer begrenzt, das gilt auch für unsere politische Macht. Viele junge Leute denken, dass es jede Menge Macht bedeutet, der Präsident von den Vereinigten Staaten zu sein oder zu werden. Das ist die Art zu denken. Aber ich wette, dass Herr Bush sich sehr oft machtlos fühlt. Er benötigt mehr Macht, um den Ölpreis oder andere Dinge beeinflussen zu können. Er spürt, er hat nicht genug Macht, einen Krieg zu beenden – einen Krieg fortzuführen erfordert Macht, aber bei weitem nicht so viel wie einen Krieg zu stoppen.
Wenn Du reich bist, fühlst Du Dich mächtig – mit Deinem Geld kannst Du Dir jede Menge toller Dinge kaufen und das Geld hilft Dir vielleicht, Unangenehmes zu vermeiden. Nichtsdestotrotz: wir haben in der Vergangenheit gesehen, viele reiche Leute haben sich das Leben genommen, weil sie sich ohnmächtig fühlten.
Normalerweise strebt man in dieser Welt nach vier Arten von Macht:
Reichtum, Ruhm, Einfluss und Sex.
Sobald man diese Arten der Macht meint erreicht zu haben, will man mehr davon. Ein reicher Mann wird immer weitermachen wollen, um noch mehr zu erreichen. Er kann nicht aufhören. Jemand ist berühmt, also will sie in Zukunft noch berühmter werden und sie wird alles tun, um dieser Wunschvorstellung hinterher zu jagen. Jemand hat Macht (Einfluss) und will eine noch höhere Position bekommen. Es gibt kein Ende dieses „nach immer mehr Jagens“. Vielleicht haben einige der Betroffenen wirklich gelitten, während sie diesen vier Arten von Macht und Verlangen hinterherliefen.
In der buddhistischen Tradition spricht man von drei Arten von Fähigkeiten oder auch Tugenden. Das Streben nach diesen Arten der Macht ist nicht gefährlich, weil man dadurch glücklicher wird. Wenn man diese drei Fähigkeiten verwirklicht hat, fühlt man sich glücklich und frei.
1. die Macht des Loslassens (wörtlich: des Abschneidens)
Ihr habt Verlangen und aufgrund dieses Verlangens leidet Ihr sehr stark. Das trifft auch auf negative Emotionen wie Groll, Eifersucht und Zweifel zu. Diese Arten des Feuers verbrennen Euch. Wenn Ihr imstande seid, diese (Emotionen) los zu lassen, werdet Ihr frei sein.
Die Objekte Eures Verlangens – sie bergen sehr viele Gefahren in sich.
Wenn Ihr Fische fangen wollt, gibt es da einen Widerhaken unten an der Angel. Es gibt verschiedene Modelle heutzutage – die Fische sind nicht besonders intelligent und kennen sie nicht alle. So beißen sie an, hängen am Haken und sterben. Viele von uns sind genau wie diese Fische: wir nehmen den Haken nicht wahr und sterben. Deshalb ist es so wichtig, den Haken rechtzeitig zu erkennen, das heißt in unserem Fall die Gefahr durchschauen, die in unserem Verlangen verborgen ist. Gebraucht Weisheit und Verständnis als Euer Schwert, um Euer Objekt der Begierde abzuschneiden! Ein guter Praktizierender versucht das immer wieder – Verlangen los lassen, ebenso Groll, Eifersucht und Zweifel. Das Schwert, welches er gebraucht, heißt Weisheit und Verständnis. Er erkennt die Gefahr, die von seinem Verlangen ausgeht.
2. die Macht zu verstehen und Einsicht zu erlangen
Einsicht ist das Resultat von (erfolgreicher) Meditation. Wenn Ihr genügend Achtsamkeit kultiviert habt, erlangt Ihr Konzentration. Mit Hilfe der tiefen Konzentration könnt Ihr dann tief in das Herz der Realität blicken. Diese Art der Einsicht befreit Euch von Euren Illusionen, Euren Missverständnissen und falschen Wahrnehmungen. So werdet Ihr frei. Weisheit ist ein Schwert. Bodhisattwa Manjushri wird als Wesenheit mit großem Verständnis beschrieben: mit seinem Schwert von Weisheit kann er jede Form von Illusion, Missverständnis und Verblendung durchschneiden. Wenn Ihr gute Praktizierende seid, könnt Ihr auch Einsicht erlangen. Denn wenn Ihr diese Art von Einsicht und Verständnis habt, könnt Ihr Eure Schwierigkeiten auf einfache Weise lösen. Mit der Hilfe von Weisheit, könnt Ihr Euch selbst schnell aus schwierigen Situationen heraushelfen. Und wenn andere Menschen mit ihren Problemen zu Euch kommen, könnt Ihr diesen dank Eurer Einsicht und Eurer Weisheit ebenfalls helfen. Alleine, auf sich gestellt, würden diese Leute vielleicht Jahre brauchen, um ihre Probleme zu lösen. Wenn sie dann zu Euch kommen und Ihr könnt ihnen innerhalb von 15 Minuten aus ihrer schwierigen Situation raushelfen, ist das eine gute Sache, die allen hilft. Das ist die Fähigkeit, die aus der Macht zu verstehen und Einsicht zu erlangen, erwächst. Einsicht ist die Frucht (Ernte) Eurer Praxis. Wenn Ihr genug Achtsamkeit und Konzentration kultiviert habt, dann erlangt Ihr die Fähigkeit, Eure eigenen Schwierigkeiten und die anderer Menschen aufzulösen. Dann seid Ihr wahrhaft reich und könnt ein Leben voller Freiheit und Einsicht führen.
Die erste der spirituellen Kräfte oder Mächte hilft Euch, Euch von Verlangen und negativen Emotionen wie Groll zu befreien. Die zweite Fähigkeit unterstützt Euch darüber hinaus Illusionen, Unwissenheit und Missverständnisse los zu lassen. Auf diese Weise könnt Ihr wirklich den Menschen um Euch herum hilfreich zur Seite stehen. Allein mit der Verwirklichung von Einsicht und Weisheit in Euch selbst, könnt Ihr anderen eine große Hilfe sein. Und niemand kann Euch diese Fähigkeiten wegnehmen.
3. die Macht der Liebe
Ihr versucht, andere günstig zu stimmen, in dem Ihr ihnen Wünsche erfüllt. Kannst Du mir einen Gefallen tun? Auf diese Weise seid Ihr es gewohnt, Glück zu verteilen. Aber es gibt da auch die Kraft zu vergeben, sowie Verständnis und Liebe anzubieten und Dinge und Menschen zu akzeptieren. Als guter und erfolgreicher Praktizierender hat man diese Kraft: anderen vergeben können und akzeptieren, wie er oder sie ist. Diejenigen unter uns, die nicht imstande sind, andere Menschen oder Situationen zu akzeptieren, können nicht glücklich werden. Sie sagen dann oft: „wenn die anderen sich nicht ändern, werde ich mich auch nicht ändern!“ „Weil die anderen so sind wie sie sind, tue ich dieses oder jenes.“ Wenn Ihr die Kraft der Liebe in Euch tragt, werdet Ihr die Menschen und Situationen annehmen können, wie sie gerade sind. Ihr hört auf zu reagieren, Ihr fangt an zu agieren! In der Vergangenheit habt Ihr Euch mit Widerstand gegen Menschen und Situationen gestellt und jetzt fangt Ihr an, Menschen und Situationen gleichermaßen zu akzeptieren wie sie nun mal gerade sind. Auf diese Weise seid Ihr imstande, Dinge wirklich zu verändern. Ihr stellt nicht mehr länger die Bedingung, dass andere sich zuerst verändern sollen. „Oh, er oder sie ist eben so – ich werde für mich mehr Einsicht kultivieren und mehr Frische und Freundlichkeit entwickeln. So bin ich fähig, die Situation zu verändern und gleichzeitig kann ich anderen damit helfen.“ Dies ist eine unermessliche Quelle der Kraft. Je mehr Ihr die geistigen Fähigkeiten transformiert habt, umso glücklicher werdet Ihr selbst und die Menschen, die Euch umgeben.
Viele Menschen werden Opfer ihrer eigenen Macht und ihres eigenen Erfolges. Aber mit diesen drei Kräften werdet Ihr kein Opfer Eurer Macht, wenn Ihr erfolgreich seid. Je mehr geistige Kräfte Ihr verwirklicht, umso freier werdet Ihr werden.
In der Tat ist es so, dass es für Euch, wenn Ihr diese Fähigkeiten erlangt habt, auch nicht gefährlich ist, Reichtum und Ruhm zu haben. Dann werden die weltlichen Mächte nämlich sehr nützlich für Euch sein. Ohne die Entwicklung der spirituellen Fähigkeiten sind und bleiben sie gefährlich, aber in Kombination miteinander können sie sehr wertvoll und effektiv werden. Der Buddhismus wendet sich nicht gegen Reichtum an sich – es ist lediglich gefährlich, dem ständigen Verlangen hinterher zu jagen. Wenn Ihr aber spirituelle Kräfte entwickelt habt, seid Ihr nicht länger Opfer Eures Reichtums, Eures Ruhms usw.. Dann macht Ihr instinktiv konstruktiven Gebrauch von Eurem Reichtum und Eurem Ruhm, um den Menschen in Eurer Umgebung Gutes tun zu können.
Es ist nicht wahr, dass ein guter Praktizierender immer die Armut vorziehen soll – er kann Geld verdienen, aber er muss verstehen, es mit Mitgefühl und Verständnis zu nutzen.
Wie viele Menschen sind wirklich so frei, um Ihren Reichtum, Ihren Ruhm und Ihre Macht auf diese heilsame Weise einzusetzen?
So lange sie keine spirituellen Fähigkeiten ausgebildet haben, sind sie nicht imstande, Ihre Macht heilsam einzusetzen.
Bezüglich der freiwillig gewählten Armut – wir wollen ein möglichst einfaches Leben führen. Das ist es, was wir anstreben. Wenn Ihr ein einfaches Leben lebt, müsst Ihr nicht die meiste Zeit darauf verwenden, Geld zu verdienen. Ihr habt mehr Zeit für andere Dinge wie den blauen Himmel, den Regen – Ihr habt mehr Zeit das Leben und Euch selbst zu genießen und Euch um Eure Lieben zu kümmern. Ihr seid arm, aber Ihr selbst seid es, die arm sein wollen. In Wirklichkeit aber seid Ihr reich, weil Euch alles gehört: der Sonnenschein, der Regen – dieser Augenblick im Hier und Jetzt – das alles gehört Euch. Einige der reichen Leute sind wirklich arm – sie erkennen nicht die Schönheit der Sonne, sie haben keine Zeit für ihre Lieben.
Buddhas Lehren sind also sehr klar: es gibt nichts gegen Geld und Ruhm zu sagen. Aber bitte strebt zunächst nach spirituellen Kräften und kultiviert sie, bevor Ihr den weltlichen Mächten nachjagt. Langfristig könnt Ihr dann beides pflegen: spirituelle und weltliche Macht.
Auf diese Weise glaubt Ihr nicht länger, dass man ohne Geld nicht glücklich sein kann.
„Wir tragen unsere Ahnen mit uns in die Zukunft” -
Aus einer Dharmarede des Ehrw. Thich Nhat Hanh, Plum Village 13.07.2008 –
Übersetzung aus dem Englischen
„Ich trage meine Mutter und meinen Vater in mir,
und wenn ich hinschaue, sehe ich mich selbst in ihnen.
Der Buddha, die Partriarchen, sie sind in mir,
und wenn ich hinschaue, sehe ich mich selbst in ihnen.
Ich bin die Weiterführung meiner Mutter und meines Vaters,
ich bin die Weiterführung aller meiner Brüder und Schwestern.
Es ist mein Bestreben,
die Samen des Gewahrseins, die Samen des Wissens, die Samen des Glücks,
die ich geerbt habe,
zu erhalten, weiter zu entwickeln und zu nähren.
Es ist auch mein Bedürfnis,
die Samen von Angst und Leid zu erkennen,
die ich geerbt habe
und sie Stückchen für Stückchen zu transformieren.
Ich bin eine Weiterführung
des Buddhas und der Patriarchen
ich bin eine Weiterführung aller meiner spirituellen Lehrer.
Es ist mein tiefes Anliegen,
die Samen von Verständnis, die Samen der Liebe, die Samen der Freiheit
zu erhalten, weiter zu entwickeln und zu nähren,
die sie mir mitgegeben haben.
In meinem täglichen Leben möchte ich sie säen,
die Samen der Liebe und des Mitgefühls,
in meinem eigene Bewusstsein
und in den Herzen anderer Menschen.
Ich bin entschlossen, nicht
die Samen des Verlangens, der Abneigung und der Gewalttätigkeit in mir zu nähren.
Ich bin entschlossen, nicht
die Samen des Verlangens, der Abneigung und der Gewalttätigkeit in anderen zu nähren.
mit Nachdruck und Mitgefühl,
bekräftige ich dieses Ansinnen.
möge meine Praxis eine Opfergabe des Herzens sein,
möge meine Praxis eine Opfergabe des Herzens sein.“
Dieser Text wurde von Schwester Ten Tai Nghiem vertont – sie lebt im Brookcliff-Kloster in Nähe von New York.
Liebe Sangha, heute ist Sonntag, der 13. Juli im Jahre 2008. Ihr seid im Dharma-Nektar-Tempel, und heute ist der Tag unserer Vorfahren. Die Kinder sangen eben „ich trage meine Mutter und meinen Vater in mir und wenn ich mich selbst betrachte, erkenne ich mich in ihnen wider“. Das ist eine tiefgreifende Erkenntnis. Seid Ihr Euch darüber im Klaren, in welchem Ausmaß Ihr Eure Mutter und Euren Vater in Euch tragt? Gestern haben wir darüber gesprochen, einen Pflanzensamen in die Erde zu geben, ihn zu pflegen und etwa 10 Tage abzuwarten, bis sich eine junge Pflanze in dem Topf zeigt. In den buddhistischen Schriften wird sehr viel über Samen geschrieben – das Gleiche gilt für die christlichen Evangelien. Wenn Ihr dann diese junge Pflanze seht, könnt Ihr sie fragen: „Meine liebe Pflanze, erinnerst Du Dich? Vor zwei Wochen warst Du noch ein Samenkorn!“
Zu Beginn dieses Jahres haben wir einen Retreat in Italien organisiert, an dem auch viele Kinder teilgenommen haben. Mehr als 800 italienische Praktizierende waren gekommen. Anlässlich der letzten Veranstaltung im Rahmen dieses Retreats bot ich jedem Teilnehmer ein Samenkorn an. Ich hatte einen ganzen Sack voll Samenkörner vorher in einem der lokalen Supermärkte gekauft, es waren sicherlich über 1000 Samenkörner in dem Säckchen. Also bat ich jeden Teilnehmer, so ein Samenkorn mit nach Hause zu nehmen und dort einzupflanzen, jeden Tag zu gießen und zu beobachten wie es zu einer Pflanze heranwächst. Jeder Erwachsene und jedes Kind wurden gebeten einen Samen einzupflanzen und zu versorgen – es sollte die tägliche Praxis fortsetzen. Wenn Ihr beobachtet, wie aus einem Samenkorn eine Pflanze heranwächst, könnt Ihr erstmal zwei oder drei Blätter sprießen sehen. Zu diesem Zeitpunkt könnt Ihr das ursprüngliche Samenkorn nicht mehr erkennen. Ihr seht also die Pflanze, aber nicht mehr den Samen – aber Ihr könnt nicht sagen, dass das Samenkorn nun tot ist. Es ist nicht eingegangen. Es ist zur Pflanze geworden. Also wenn Ihr sorgfältig und weise schaut, könnt Ihr immer noch das Samenkorn wahrnehmen. „Meine liebe kleine Pflanze, kannst Du Dich erinnern? Vor zwei Wochen warst Du noch ein unscheinbares Samenkorn!“ Es mag vorkommen, dass die Pflanze vergessen hat, dass sie noch vor zwei Wochen ein Samenkorn war. Zwei Wochen sind eigentlich keine lange Zeit, aber trotzdem hat es die Pflanze vielleicht vergessen. So sagt Ihr: „Vor zwei Wochen warst Du ein Samenkorn und ich habe Dich jeden Tag mit ein bisschen Wasser versorgt – deshalb bist Du jetzt eine kleine ansehnliche Pflanze geworden. Ich erinnere mich sehr gut daran!“ Ihr müsst sie daran erinnern, dass sie ein Samenkorn war. Das Samenkorn ist immer (noch) da, auch wenn Ihr es vielleicht jetzt nicht mehr auf den ersten Blick wahrnehmen könnt!
An den diesem speziellen Tag fragte ich die Retreat-Teilnehmer:
„Die Pflanze und das Samenkorn – sind sie ein und dasselbe oder zwei verschiedene Dinge?“
„Beide sind das Gleiche oder handelt es sich um zwei voneinander getrennte, unterschiedliche Dinge?“
Es gab drei mögliche Antworten auf diese Fragestellung:
1. Sie sind das Gleiche.
2. Sie sind zwei voneinander getrennte, unterschiedliche Dinge.
3. Sie sind weder das Gleiche, noch voneinander getrennte, unterschiedliche Dinge.
Die dritte Antwort ist korrekt. Es gibt kein „dies ist das gleiche“ und „das ist was anderes“!
Logisch betrachtet, seht Ihr, dass das Samenkorn ein Samenkorn ist. Eine Pflanze ist eine Pflanze. Eine Pflanze kann kein Samenkorn sein, und ein Samenkorn kann keine Pflanze sein. Das ist formale Logik. Aber wenn Ihr ganz genau hinschaut – ganz genau hinschauen meint hier, wenn Ihr darüber meditiert – denn meditieren bedeutet, dass Ihr Euch die Zeit nehmt, die Dinge ganz genau zu betrachten, dann seht Ihr, dass dieses Samenkorn und die Pflanze zwei verschiedene Dinge sind. Dennoch könnt Ihr erkennen, dass das eine nicht ohne das andere entstehen kann, weil das andere durch das eine entsteht.
Samenkorn und Pflanze: sie brauchen einander. Das eine ist die Bedingung für das andere.
Stellt Euch vor, Ihr schaut in Eurer Familienalbum und da seht Ihr Euch als Baby als Ihr zwei Wochen alt wart. Eure Mutter hat das Bild gemacht – und jetzt seid Ihr 12 oder 14 Jahre alt und seht Euch als dieses Baby. Ihr stellt fest, irgendwie schaut Ihr anders aus. Ihr fragt Euch: bin ich der-/dieselbe wie dieses Baby da oder bin ich jemand anders? Ihr unterscheidet Euch in vielen Aspekten: in Eurem Erscheinungsbild, in Bezug auf Eure geistigen Formationen, Eure Wahrnehmung usw.. Also ist es falsch zu sagen, Ihr seid genauso wie dieses Baby auf dem Bild. Aber im Gegenzug zu sagen, Ihr seid ein völlig anderes Wesen als das Baby ist auch verkehrt. Die Antwort findet sich in der Mitte oder „auf dem mittleren Weg“ – was eine sehr buddhistische Ausdrucksweise ist. Ihr seid nicht die gleichen, aber Ihr seid auch nicht völlig unterschiedlich oder gar voneinander getrennte Wesen.
Keine Gleichheit, keine Andersheit. Das ist eine weitere, tiefgründige Belehrung des Buddhas. Auch wenn Ihr noch richtig jung seid, könnt Ihr das verstehen. Wenn Ihr ganz tief in Euch geht, erkennt Ihr Euren Vater und Eure Mutter in Euch selbst wider. Aber so richtig klar, könnt Ihr das nur mit Hilfe von meditativer Praxis sehen. Die junge Pflanze hat vielleicht eine schwere Zeit, wenn sie das Samenkorn in sich selbst erkennt – aber es ist nun mal Fakt, dass sie die Fortsetzung Ihrer Mutter und Ihres Vaters ist. Also seid Ihr Euer Vater, und Ihr seid Eure Mutter! Ihr seht nicht genauso aus wie sie, aber Ihr tragt sie in Euch.
In Plum Village haben wir eine geführte Meditation, die geht so:
„Während ich einatme, erkenne ich die Anwesenheit meiner Mutter und meines Vaters in jeder Zelle meines Körpers.“
Versucht das als Realität in der Tiefe zu erkennen und zu fühlen.
„Wenn ich ausatme, lächle ich meiner Mutter und meinem Vater zu.“
Euer Vater und Eure Mutter haben sich selbst an Euch weitergegeben. Nicht ein Bankkonto oder ein tolles Auto haben sie Euch gegeben – nein, sie haben sich selbst an Euch gegeben. Sie sind in jeder Zelle Eures Körpers. Euer Vater und Eure Mutter sind Eure Herkunft.
Es gibt junge Leute, die sind sauer auf ihren Vater oder ihre Mutter und die sagen dann seltsame Dinge wie „dieser Mann da, ich will mit ihm nichts mehr zu tun haben!“ Wenn Ihr wütend seid auf Euren Vater, sagt man sowas vielleicht. „Mit dieser Person möchte ich nichts mehr zu tun haben!“ Wenn Ihr außer Euch seid, lasst Ihr Euch möglicherweise zu so einer Aussage hinreißen. Aber, Fakt ist, es ist nicht wahr – es ist unmöglich: Ihr könnt Euren Vater nicht aus Euch selbst herausreißen! Wenn jemand sehr wütend wird, kann er die Realität nicht mehr erkennen. „Mein Sohn kann so nicht sein. Ich erkenne ihn nicht mehr als meinen Sohn wider!“ Das ist ebenfalls unsinnig! Er ist Deine Fortführung – Du trägst ihn in Dir selbst und Du bist in ihm enthalten. Vater und Sohn sollten üben, sich selbst in dem anderen wider zu erkennen – Gleiches gilt für Mutter und Tochter.
In einer anderen Dharmarede zu Beginn dieses Jahres habe ich noch einen weiteren Aspekt erläutert. Ihr tragt Euren Vater in Euch, aber Ihr habt auch immer noch einen Vater in der äußeren Welt! Der Vater „draußen“ und der Vater „drinnen“ mögen sich voneinander unterscheiden. Wieso ist dem so? Von dem Zeitpunkt an, als sich mein Vater an mich weitergab, waren der äußere und der innere Vater nahezu identisch. Aber, da ich in einer anderen Lebenssituation und in einer anderen Umgebung lebe, hat sich mein innerer Vater anders weiter entwickelt als mein äußerer Vater. Zum Beispiel könnte sich mein innerer Vater in eine positive Richtung transformiert haben, weil ich ein guter Praktizierender bin. Das heißt, meine eigene positive Entwicklung transformiert auch meinen inneren Vater. Das mag dazu führen, dass der Vater, den ich in mir trage, von größerer Schönheit ist, als der Vater, dem ich in der Außenwelt begegne. Diese beiden Väter haben sich also auf unterschiedliche Weise weiter entwickelt. Ich habe eine bessere Beziehung zu meinem inneren Vater. Aber ich will die Beziehung zu meinem Vater in der Außenwelt gleichermaßen verbessern. Wenn Ihr gute Praktizierende seid, sollte dies kein Problem sein. Ihr habt dann bereits Mitgefühl entwickelt. Wenn Ihr nicht genügend praktiziert habt, werdet Ihr immer noch jede Menge Groll in Euch tragen und könnt so Eurem Vater nicht wirklich helfen.
Wenn mein „äußerer Vater“ stirbt, wird mein „innerer Vater“ weiterhin da sein. Und ich werde meinen inneren Vater an meine Söhne weitergeben.
Mein Vater und meine Mutter, sie sind meine Vorfahren, meine jüngsten Ahnen. Als menschliche Wesen haben wir menschliche Vorfahren. Wir haben mehrere Generationen von menschlichen Ahnen. Und von einer genetischen Ebene ausgehend, kann man sagen, sie leben immer noch in uns weiter. Wir tragen sie alle mit uns in die Zukunft und geben sie an unsere Kinder weiter. Wenn Ihr heiratet und bekommt Kinder, gebt Ihr Eure Vorfahren an Eure Kinder weiter und sie werden dadurch mit in die Zukunft getragen.
Hier in Plum Village feiern wir jedes Jahr den „Tag der Vorfahren“. Wir schauen uns unsere Beziehung(en) zu unseren Vorfahren ganz genau an. Wenn Ihr in Eurer Verbindung zu Euren Vorfahren tief verwurzelt seid, seid Ihr stark. Wenn Ihr dahingegen entwurzelt seid, werdet Ihr schwach und anfällig für die Wechselfälle des Lebens. In Ländern wie Vietnam hat jede Familie in ihrem Haus einen Schrein für die Vorfahren. Wir ehren damit unsere Ahnen. Auch wenn die Leute nicht reich sind, haben sie diesen Altar in der Mitte ihres Hauses. Auf den Altar kommen Räucherstäbchen und vielleicht noch Blumen und andere Opfergaben.
Wenn wir weinen, weinen unsere Vorfahren mit. Wenn wir einer Dharmarede zuhören, hören unsere Vorfahren mit. Das ist wunderbar.
Die tägliche Praxis für die Ahnen besteht darin, den Altar zu reinigen, also von Staub zu befreien, die Blumen frisch zu machen und ein neues Räucherstäbchen zu entzünden usw. Warum machen wir das alles? Während wir dies tun, kommen wir mit unseren Vorfahren in Berührung – dies stärkt unsere Wurzeln und die Verbindung mit unseren Ahnen. Wo immer wir auch hingehen – wir fühlen uns mit unseren Vorfahren tief verbunden. Wir fühlen uns nicht fremd in der Welt. Dies ist das Gute an der Verehrung der Ahnen.
Für gewöhnlich haben die Vorfahren ein Recht darauf zu erfahren, wenn es etwas Neues in der Familie gibt. Zum Beispiel, wenn Euer Kind morgen das erste Mal in die Schule geht, sollten sie es erfahren und Ihr solltet Ihren Segen erbitten. Vielleicht habt Ihr jetzt die Vorstellung, dass Eure Ahnen dort auf dem Altar vor Euch sitzen – dem ist natürlich nicht so: Eure Ahnen befinden sich in Euch selbst mittels all der Gene, die sie an Euch weitergegeben haben. Wann immer Ihr mit Problemen konfrontiert seid, könnt Ihr Euch mit der Bitte um Unterstützung vertrauensvoll an Eure Vorfahren wenden.
Bittet die zuverlässigen Zellen Eurer Großeltern in Euch um Hilfe – sie werden Euch unterstützen. Wenn Ihr wisst, wie Ihr respektvoll mit Euren Vorfahren in Kontakt tretet, könnt Ihr bisweilen sogar Krankheiten wie Krebs überwinden.
Tatsache ist, wo auch immer Ihr hingeht, Eure Vorfahren gehen mit – Ihr tragt sie in Euch. Ihr könnt den Schwierigkeiten in Eurem Leben viel besser begegnen, wenn Ihr Euch das bewusst macht. Wenn Ihr Euch entschließt, Eure Tochter an einen Mann in einer anderen Stadt zu verheiraten, solltet Ihr Eure Vorfahren darüber informieren: „Liebe Ahnen, wir haben uns dazu entschieden, unsere Tochter an einen Mann in einer anderen Stadt zu verheiraten – wir bitten in dieser Angelegenheit um Euren Segen“. Auf diese Art praktizieren wir in Vietnam, China und überall in Asien täglich.
Heute haben wir also unseren Tag der Vorfahren. Wir haben Ahnen im Rahmen unserer Blutsverwandtschaft, wir haben aber auch spirituelle Vorfahren. Für Christen ist es z.B. Jesus. Auch wir tragen die christlichen Vorfahren in uns. Das Christentum wurde in diesem Teil der Welt an Euch weitergegeben, das bedeutet Ihr tragt Jesus in jeder Zelle Eures Körpers in Euch. Wenn ihr ein Problem habt, könnt Ihr zu ihm beten und er ist nicht weit entfernt, er ist nicht irgendwo im Himmel. Ihr könnt diesen Christus in jeder Zelle Eures Körpers berühren. Wenn Ihr ein guter, praktizierender Christ seid, ist Christus in jedem Moment für Euch erreichbar. Wenn Ihr Buddhisten seid, sind Buddha, Ananda und Sariputra Eure spirituellen Ahnen. Die Gene von Buddha, Ananda und Sariputra sind in jeder Zelle Eures Körpers. Die Weitergabe einer Ahnenlinie ist auf genetischem und spirituellem Weg möglich.
Als Lehrer gebt Ihr Euch auf spirituellem Weg weiter – nicht genetisch. Da gibt es diejenigen unter uns, die tragen beide, Jesus und Buddha in sich als Vorfahren. Das ist völlig in Ordnung und muss nicht zu Konflikten führen. Die fünf Achtsamkeitsübungen sind sehr christlich. Wenn man genau hinschaut, findet man die Grundideen im christlichen Glaubenssystem wider – es gibt da keinen Konflikt. Ihr habt das Recht darauf, mehrere spirituelle Vorfahren zu haben. Es ist so ähnlich wie beim Kochen: Ihr mögt vielleicht die italienische Küche, aber die französische Küche findet Ihr auch gut.
Wir haben auch tierische Ahnen. Guckt Euch das in Eurer Meditation genau an. Unsere Vorfahren sind nicht nur menschlicher Natur – tatsächlich ist die menschliche Rasse noch sehr jung. Bevor sich der Mensch entwickelte, gab es bereits die Tiere. Sie sind unsere Ahnen. Es ist sehr aufregend zu lernen, woher wir kommen. Welches Tier ward Ihr bevor Ihr in der menschlichen Daseinsform wiedergeboren wurdet? Also bin ich ein menschliches Wesen, aber meine tierischen Vorfahren leben immer noch in mir. Gemäß den buddhistischen Schriften trage ich ein Eichhörnchen, einen Vogel, einen Fisch und ein Reh in mir. Das ist nicht nur Weltanschauung, das hat auch durchaus eine wissenschaftliche Ebene. Ihr wart auch ein Fisch, ein Vogel, ein Rotwild – heute fühle ich sie wieder alle in mir. Ich habe tierische Ahnen. Wenn Ihr erstmal Eure tierischen Vorfahren kennen gelernt habt, werdet Ihr im Hier und Jetzt viel freundlicher zu Euren tierischen Mitwesen sein. Ihr werdet dann Eure Vorfahren sicherlich nicht essen wollen. Denn es ist nicht besonders nett, die eigenen Vorfahren zu verspeisen, oder?
Darüber hinaus haben wir pflanzliche Vorfahren. In der Tat – Pflanzen gab es schon lange vor den Tieren. In einem vergangenen Leben warst Du eine Palme, eine Wasserpflanze, vielleicht auch ein Champignon – warum nicht? Ihr solltet Euch das ganz genau vergegenwärtigen: Ihr setzt Euch zum großen Teil aus Pflanzen und Tieren zusammen! Ihr stammt von Ihnen ab. Wenn Ihr Euch an diese Tatsache erinnert, werdet Ihr den Wunsch entwickeln, das Pflanzen- und Tierreich zu schützen. Ihr werdet auf eine Art und Weise leben wollen, dass Ihr die anderen Naturreiche (be)schützen könnt.
Und wenn wir noch genauer hinschauen, entdecken wir auch noch unsere mineralischen Vorfahren: Wasser, Erde, Felsen und Staub. Ihr seid aus Sternen gemacht, aus Mineralien – ohne Mineralien gäbe es keine Pflanzen oder Tiere.
Deshalb ist es überaus wichtig, sich hinzusetzen und sich alle Ahnen zu vergegenwärtigen – menschliche, tierische, pflanzliche und mineralische.
Im Diamant-Sutra sagte Buddha, es gibt vier grundlegende Ideen, die es zu verwerfen gilt.
Eine davon ist die Illusion eines (seperaten) menschlichen Wesens:
Buddha bat seine Jünger, tief in das eigene Wesen zu schauen. Denn das menschliche Wesen ist eigentlich aus nicht-menschlichen Elementen zusammengesetzt - nämlich hauptsächlich aus Tieren, Pflanzen und Mineralien. Das heißt, erst wenn Ihr Euch die Menschen mit all Ihren Komponenten anschaut, habt Ihr das Wesen der Menschen wirklich realisiert. Wenn Ihr das nicht durchschaut habt, tragt Ihr immer noch eine falsche, verzerrte Wahrnehmung über die Natur des Menschen und damit eine Illusion in Euch, die zerstört werden muss. Das Diamant-Sutra ist damit eines der geradlinigsten Sutras, wenn es darum geht, den Menschen einen Weg zu einem umweltbewussteren Leben aufzuzeigen.
Es gibt folgende Aufgabe für heute: nehmt ein Stück Papier und notiert darauf alle Eure Vorfahren, an die Ihr Euch erinnern könnt: Blutverwandtschaft, spirituelle, tierische, pflanzliche und mineralische Vorfahren.
Ihr verliert Euer künstliches, konstruiertes Selbst, wenn Ihr die Namen Eurer Ahnen niederschreibt. Dazu braucht Ihr Achtsamkeit und Konzentration, um Euch auch wirklich erinnern zu können – gerade auch wenn es um die Erinnerung an die spirituellen, tierischen, pflanzlichen und mineralischen Ahnen geht.
Die Vorfahren auf diese Weise zu berühren, macht uns widerstandsfähiger (solider) und ermöglicht uns mehr Mitgefühl – kurz gesagt, macht uns stärker.
„Ich trage meine Mutter und meinen Vater in mir,
Liebe Sangha, heute ist Sonntag, der 13. Juli im Jahre 2008. Ihr seid im Dharma-Nektar-Tempel, und heute ist der Tag unserer Vorfahren. Die Kinder sangen eben „ich trage meine Mutter und meinen Vater in mir und wenn ich mich selbst betrachte, erkenne ich mich in ihnen wider“. Das ist eine tiefgreifende Erkenntnis. Seid Ihr Euch darüber im Klaren, in welchem Ausmaß Ihr Eure Mutter und Euren Vater in Euch tragt? Gestern haben wir darüber gesprochen, einen Pflanzensamen in die Erde zu geben, ihn zu pflegen und etwa 10 Tage abzuwarten, bis sich eine junge Pflanze in dem Topf zeigt. In den buddhistischen Schriften wird sehr viel über Samen geschrieben – das Gleiche gilt für die christlichen Evangelien. Wenn Ihr dann diese junge Pflanze seht, könnt Ihr sie fragen: „Meine liebe Pflanze, erinnerst Du Dich? Vor zwei Wochen warst Du noch ein Samenkorn!“ 
Mein Vater und meine Mutter, sie sind meine Vorfahren, meine jüngsten Ahnen. Als menschliche Wesen haben wir menschliche Vorfahren. Wir haben mehrere Generationen von menschlichen Ahnen. Und von einer genetischen Ebene ausgehend, kann man sagen, sie leben immer noch in uns weiter. Wir tragen sie alle mit uns in die Zukunft und geben sie an unsere Kinder weiter. Wenn Ihr heiratet und bekommt Kinder, gebt Ihr Eure Vorfahren an Eure Kinder weiter und sie werden dadurch mit in die Zukunft getragen.
Heute haben wir also unseren Tag der Vorfahren. Wir haben Ahnen im Rahmen unserer Blutsverwandtschaft, wir haben aber auch spirituelle Vorfahren. Für Christen ist es z.B. Jesus. Auch wir tragen die christlichen Vorfahren in uns. Das Christentum wurde in diesem Teil der Welt an Euch weitergegeben, das bedeutet Ihr tragt Jesus in jeder Zelle Eures Körpers in Euch. Wenn ihr ein Problem habt, könnt Ihr zu ihm beten und er ist nicht weit entfernt, er ist nicht irgendwo im Himmel. Ihr könnt diesen Christus in jeder Zelle Eures Körpers berühren. Wenn Ihr ein guter, praktizierender Christ seid, ist Christus in jedem Moment für Euch erreichbar. Wenn Ihr Buddhisten seid, sind Buddha, Ananda und Sariputra Eure spirituellen Ahnen. Die Gene von Buddha, Ananda und Sariputra sind in jeder Zelle Eures Körpers. Die Weitergabe einer Ahnenlinie ist auf genetischem und spirituellem Weg möglich. Die Vorfahren auf diese Weise zu berühren, macht uns widerstandsfähiger (solider) und ermöglicht uns mehr Mitgefühl – kurz gesagt, macht uns stärker.
Begegnung der besonderen Art: Pagode Phat Hue meets Plum Village

Die Sonne ging auf, um einen neuen Tag anzukündigen. Wir saßen immer noch im Auto und waren inzwischen irgendwo in Frankreich in der Nähe von Bordeaux. Unser Ziel für dieses Wochenende: Thich Nhat Hanh’s Plum Village. Die meisten von uns kannten Thich Nhat Hanh bisher nur über seine zahlreichen Buchveröffentlichungen, vor allem zum Thema Achtsamkeit. So waren wir alle sehr gespannt, ihn und seine Gemeinschaft zwei Tage lang live zu erleben zu dürfen.
Nach der Ankunft in Lower Hamlet, einem der inzwischen sieben Dörfer, die zu Plum Village gehören, ging es direkt in die große Buddhahalle zum Dharmatalk. Eigentlich war es keine “richtige” Dharmarede – die Teilnehmer des diesjährigen Sommerretreats hatten Gelegenheit, Fragen an einen der beliebtesten buddhistischen Lehrer unserer Zeit zu richten. In der eher spartanisch und neutral gehaltenen Buddhahalle waren etwa 500 Menschen versammelt. Die gestellten Fragen reichten von “Warum habe ich mir ausgerechnet jetzt am ersten Tag meiner Ferien meinen Arm gebrochen” bis “Wie kann ich mit intensiven Emotionen wie zum Beispiel Wut und Ärger umgehen lernen?” und “Muss ich mein Leben opfern, wenn ich Mönch oder Nonne werden will?”. Jede Frage wurde ausführlich auf Thich Nhat Hanhs für jeden leicht nachvollziehbare, warmherzige und oft auch humorvolle Weise beantwortet.
Nach der Frage-Antwort-Session stand die tägliche Gehmeditation auf dem Plan. Gehmeditation in Plum Village bedeutet, etwa 45 Minuten mit Thay und etwa 500 weiteren Teilnehmern achtsam durch die wunderschöne Landschaft mit Teichen und – wer hätte das gedacht? – hunderten von Pflaumenbäumen zu wandern. Auf halber Wegstrecke wird eine kurze Sitzmeditation eingelegt, während der der Meister schweigend eine Tasse Tee trinkt – man sitzt und schweigt in großer Runde und genießt das Hier und Jetzt. Es drängt sich unweigerlich der Gedanke auf, dass das Leben eigentlich ganz einfach sein könnte – würde man es nicht ständig selbst mit Hilfe des eigenen Geistes verkomplizieren.
Es folgten Besichtigungen der anderen Hamlets (Upper, Middle, New Hamlet) – jedes Dorf hat seinen eigenen Charme. Die alten aus rohem Stein gezimmerten Häuser prägen das Bild. Egal, in welchem Hamlet man sich befindet, es ist überall auffallend ruhig und … sauber. Wir fragen uns, wie die Plum-Village-Sangha es schafft, dass trotz der aktuell mehreren hundert Besucher nirgends Abfall zu sichten ist. Achtsamkeit ist hier kein leeres Konzept, sondern wird ganz konkret in jeder Sekunde praktiziert – selbstverständlich gehört dazu auch das sofortige Entsorgen von Müll. Ganz biologisch natürlich.
In Plum Village spielt die ökologische Lebensführung eine wichtige Rolle – biologischer Landbau und vegane Ernährung gehören an diesen Ort genauso wie die heitere Gelassenheit in den Gesichtern der Bewohner.
Der definitive Höhepunkt des ersten Tages: Privataudienz bei Thich Nhat Hanh in seiner Holzhütte. Die Atmossphäre ist schwer zu beschreiben: es liegt eine Leichtigkeit darin, aber gleichzeitig auch eine große Tiefe. Sie läßt erahnen, dass es sich hier um einen wirklichen Meister handelt, der praktiziert, was er lehrt. Seine Ausstrahlung “berührt” – einige Taschentücher werden gezückt.
Wir fragen, was denn wirklich wichtig und entscheidend sei für eine junge Sangha wie die unserer Pagode? “Die Harmonie innerhalb der Sangha ist das Entscheidende”, so die klare Antwort THNs – “entwickelt wahre Brüderlichkeit, indem Ihr einander wirklich mit offenem Herzen zuhören lernt.”
Der offizielle Teil des folgenden Tages beginnt mit einer Dharmarede anlässlich des “Tages der Vorfahren”. Wir müssen erkennen, dass wir sowohl unseren Vater als auch unsere Mutter ständig in uns tragen – unabhängig davon, wohin wir gehen. Wir sind keine voneinander getrennten Lebewesen, sondern die Weiterführung unserer Eltern. Das hören wir manchmal gar nicht gern – doch wenn wir darüber reflektieren, können wir die tiefe Wahrheit dieser Aussage erfassen.
Betrachten wir zum Vergleich die Entwicklung eines Samenkorns, welches wir in einen Topf mit Erde geben und täglich mit Wasser versorgen. Nach einigen Tagen sprießen zwei oder drei Blätter und wir können das Samenkorn nicht mehr sehen. Wo ist das Samenkorn? Ist es nun tot oder spurlos verschwunden? Sind das Samenkorn und die Pflanze zwei voneinander getrennte, isolierte Dinge? Handelt es sich um ein und dasselbe? Oder sind Pflanze und Samenkorn weder das Gleiche noch gänzlich voneinander getrennte Dinge?
Ja – letzteres ist korrekt: Samenkorn und Pflanze sind weder das Gleiche noch voneinander getrennte Dinge – die Pflanze ist die Weiterführung des Samens, so wie wir die Fortsetzung unserer Eltern sind.
Wieso ist dies wichtig? Es zeigt, dass wir voneinander abhängig sind. Samenkorn und Pflanze bedingen sich gegenseitig, genauso wie Eltern und Kinder. Das Glück der Tochter ist gleichzeitig auch das Glück der Mutter. Daher sollten wir daran arbeiten, unsere Beziehungen zueinander in eine heilsame Richtung zu transformieren – mit Hilfe von Mitgefühl, tiefem Verständnis für das Leid des Anderen, Weisheit und Liebe.
Ein weiteres Thema seiner Dharmarede waren die verschiedenen Spielarten der “Macht” – in weltlichem und spirituellem Sinne. Zu den wichtigsten weltlichen Mächten, die unser Verlangen täglich schüren, gehören laut Thich Nhat Hanh Reichtum, Ruhm, Einfluss sowie Sexualität. Die spirituellen Mächte hingegen sind das Loslassen können von Verlangen und negativen Emotionen, die Entwicklung von Verständnis und Einsicht sowie das Kultivieren von Liebe und Vergebung. Der Buddhismus hat kein Problem mit Reichtum und Ruhm, betonte Thich Nhat Hanh, aber ohne vorherige Entwicklung der spirituellen Kräfte, ist weltliche Macht eine große Gefahr. Und glücklich macht weltliche Macht alleine ohnehin nicht, da sie lediglich das Verlangen nach noch mehr Macht schüre und den Menschen somit ständig zum Sklaven seiner Begierden mache.
Nachmittags hatten wir die einmalige Gelegenheit, das Mönchsquartier im Upper Hamlet zu besuchen. Es wird nur einmal im Jahr für Besucher geöffnet. Abends wurden wir von der Plum-Village-Sangha in Middle Hamlet zum Erfahrungsaustausch eingeladen. Im Rahmen einer Teezeremonie stellten wir uns gegenseitig Fragen zu unserer Dharmapraxis. Wir fragten zum Beispiel, was es denn mit dem “Lazy Day” (”dem faulen Tag”) in Plum Village auf sich hat und wie die Belehrungen für die Ordinierten in den einzelnen Hamlets aussieht. Die Fragen und Antworten waren für beide Seiten sehr interessant und inspirierend. Wir haben viele neue Ideen und Eindrücke mit nach Hause nehmen können.
Was hat uns am meisten beeindruckt? Da wäre die allgegenwärtige Leichtigkeit und Gelassenheit, die so charakteristisch für Plum Village zu sein scheinen – ob beim Kochen, beim Gehen, beim Singen, beim Zuhören – man findet sie überall. Und die Gastfreundschaft, mit der man uns begegnete, auch sie muss an dieser Stelle noch erwähnt werden. Wir würden uns wünschen, einen Teil davon, der Plum-Village-Sangha bei einem Besuch in unserer Pagode in Frankfurt zurückgeben zu dürfen!
DBU Vorsitzende Vajramala – Interview
Buddhismus in Deutschland – Diskussion
Diskussion zwischen Vajramala DBU-Vorsitzende und Ehrw. Thich Thien Son, Abt der Pagode Phat Hue.
www.dharma.de
www.phathue.de
