Allgemeines
MODUL 2:Buddhistische Psychologie
Die Buddhistische Psychologie ist ein methodenübergreifender, tiefenpsychologisch fundierter Ansatz, tief verwurzelt in der buddhistischen Lehre. Therapeutische Werkzeuge wie z.B. Achtsamkeit und meditative Innenschau wurden bereits von zahlreichen, westlichen Therapieansätzen aufgegriffen. Die Zusammenführung westlicher und buddhistischer Therapieansätze erweitert und bereichert das eigene therapeutische Spektrum.
Die Ausbildung wird an 19 Wochenenden (insgesamt 228 Unterrichtsstunden) stattfinden. Im Zentrum steht dabei die Befreiung des Einzelnen, das Auflösen von karmischen Verstrickungen und Verhaltensmustern und das Entwickeln einer heilsamen Geisteshaltung und Lebensführung.
Neben der praktischen Einführung in die Meditation, Achtsamkeitsübungen und in die Praxis der Generationsaufstellungen, werden auch theoretische Grundlagen im Sinne des Abhidhamma sowie der Bewusstseinsschule vermittelt. Aktuelle Ergebnisse aus z.B. der Hirnforschung vervollkommnen das Ausbildungsspektrum. Der Unterrichtsstoff wird praxisnah und ansprechend aufbereitet, so dass die Inhalte dazu einladen, direkt in der therapeutischen Praxis und im eigenen Alltag angewendet zu werden.
Ziel der Ausbildung ist der theoretische und praktische Erwerb therapeutischer Werkzeuge auf der Grundlage der Buddhistischen Psychologie. Nach erfolgreichem Abschluss erhalten Sie ein Ausbildungszertifikat „Buddhistische Psychologie”.
Voraussichtlicher Ausbildungsstart: Herbst 2011 (Nähere Informationen folgen)
Für wen ist die Ausbildung geeignet?
Die Ausbildung richtet sich an Menschen, die bereits in beratenden oder/und therapeutischen Berufen tätig sind oder über entsprechende Vorkenntnisse verfügen und ihre Kompetenzen und Wirkungsbereiche mit Hilfe der Buddhistischen Psychologie und Philosophie sinnvoll erweitern möchten – vielleicht auch im Hinblick auf eine berufliche Neuorientierung.
Weitere Informationen:
Modul 1: Lehrinhalte, Terminübersicht und Preise
Westliche Psychotherapierichtungen und Buddhistische Psychologie im Vergleich
Eine kurze Übersicht
Kontakt, Information & Anmeldung:
BUDDHAS WEG
Zentrum für Körper, Geist und Seele
Buddhistisches Kloster, Seminar- und Gästehaus, angegliederte Naturheilpraxis
Ausserhalb 5
69483 Siedelsbrunn / Wald-Michelbach
Allgemeine Information, Seminare
Telefon: +49 (0)6207 – 92598 21
Fax: +49 (0)6207 – 92598 89
Mail: info@buddhasweg.eu
Westliche Psychotherapierichtungen und Buddhistische Psychologie im Vergleich
Eine kurze Übersicht
Obwohl es in der Buddhistischen Psychologie und in westlichen psychotherapeutischen Ansätzen unterschiedliche Schwerpunkte gibt, lassen sich beide Denk- und Vorgehensweisen sinnvoll kombinieren. Letztendlich geht es immer darum, den Menschen als fühlendes Wesen auf seinem/ihrem Weg der Heilwerdung zu begleiten und zu unterstützen. Je nach den Bedürfnissen des Patienten/in können zu einem gegebenen Zeitpunkt unterschiedliche Werkzeuge und Interventionen notwendig und heilsam sein.
Dabei ist entscheidend, dass der/die TherapeutIn sich jeweils darüber im Klaren ist, welcher Mittel er/sie sich in einem gegebenen Moment bedient und was das Ziel und die Motivation dafür sind.
In westlichen psychotherapeutischen Ansätzen steht meist eine Stärkung des Ichs im Vordergrund. Dies steht in engem Bezug zum westlichen Krankheitsverständnis, nach welchem psychische Erkrankungen oft auf der Basis einer ichstrukturellen Schwäche entstehen. Diese wird vor allem auf Entwicklungsdefizite in der frühen Kindheit zurückgeführt. Ziel der Therapie ist entsprechend eine Stärkung der Ichstruktur, damit der Klient den Herausforderungen des Alltags besser gewachsen ist.
Im Falle von Angsterkrankungen bedeutet dies, der Klient lernt die Hintergründe seiner Angst kennen und übt beispielsweise im Rahmen einer Verhaltenstherapie Methoden, um stressfreier mit ihr umzugehen. Das Phänomen Angst bleibt bei diesem Ansatz jedoch „im System” des Klienten erhalten, sie wurde nicht transformiert und wird unter bestimmten Bedingungen erneut auftreten.
In der buddhistischen Psychologie geht es in erster Linie um das Durchleuchten der Ich-Struktur und aller übrigen Erscheinungen, sowohl auf körperlicher als auch auf geistiger Ebene. Um dies zu erreichen, genügt es nicht, die Hintergründe von Symptomen wie „Angst” zu verstehen – auch wenn dies ein notwendiger, erster Schritt auf dem Weg der Heilung ist. Erst wenn wir das Wesen des Leids in der Tiefe verinnerlicht haben, können wir die wirkliche Natur der Phänomene erfassen. Die Illusionshaftigkeit und Vergänglichkeit unserer Wahrnehmungen und Konzepte wird transparent, so dass man sie in der Folge getrost loslassen kann. Ängste und Depressionen können dann zunehmend durchbrochen und transformiert werden. Heilung im buddhistischen Sinne bedeutet Freiheit. Diese wird erreicht durch das Loslassen herkömmlicher Identifikationen auf körperlicher, emotionaler, konzeptueller und auf der Bewusstseinsebene.
Die buddhistische Psychologie betont die Wichtigkeit der Eigenverantwortung und des eigenen Bemühens. Man kann den Weg nur selber gehen – kein Lehrer oder Meister kann dies für einen selbst tun. Unentbehrliche Werkzeuge auf dem Weg sind Reflektionsbereitschaft und eine regelmäßige Meditationspraxis – beide dienen der Schulung unseres Geistes und führen letztendlich zur Transformation und damit Heilung unseres Bewusstseins.
Neue Perspektiven eröffnen sich – nicht nur für das therapeutische Setting mit Klienten, sondern auch für den Therapeuten selbst. Damit sind wir in der Lage, enge Konzepte von Gesundheit und Krankheit sowie gesellschaftliche Vorstellungen darüber, wer oder was “noch der Normalität entspricht” zu hinterfragen und für uns in der jeweiligen Situation zu überprüfen. Die therapeutische Haltung, mit welcher wir dem Klienten begegnen, öffnet sich. Wir lernen, den Bedürfnissen des Klienten auf der Basis von Mitgefühl und Weisheit, Raum zu geben. Wir nehmen vorurteilslos wahr, was in einem gegebenen Moment ist und verhelfen auf diese Weise nicht nur unserem Klienten, sondern auch uns selbst zu mehr Verständnis, Selbstakzeptanz und Zufriedenheit im Leben.
Weitere Informationen:
Allgemeine Informationen
Modul 1: Lehrinhalte, Terminübersicht und Preise
Modul 2: Vorabinformation
Kontakt, Information & Anmeldung:
BUDDHAS WEG
Ganzheitliches Gesundheits- und Seminarzentrum
Außerhalb 5
69483 Wald-Michelbach
(Siedelsbrunn/Odenwald)
Tel. 06207 – 92598 – 80 oder Tel. 069 – 484498 – 50
E-Mail: info@buddhasweg.eu oder info@phathue.de
Internet: www.buddhasweg.eu und www.phathue.de
14.4.2010: Unterstützung und Anteilnahme für die Erdbebenopfer im tibetischen Hochland
Unsere Freunde in Tibet bitten um unsere Hilfe. Am Mittwochmorgen erschütterte ein Erdbeben der Stärke 7,1 das tibetische Hochland des Bezirks Yushu in der Provinz Qinghai im Westen Chinas. Die Zahl der Toten ist nach neuen Zahlen auf 617 gestiegen – mehr als 300 Menschen werden noch unter den Trümmern vermutet.
Die Bergungsarbeiten werden durch die Bedingungen vor Ort erschwert. Die kalten Temperaturen, die heftigen Winde, die häufigen Nachbeben und die Höhenkrankheit vieler Rettungskräfte stellen eine zusätzliche Belastung dar. Zudem fehlt es auch aufgrund der Unzugänglichkeit der Region an schwerem Räumungsgerät und genügend Helfern vor Ort. Fast 10.000 Menschen sind Schätzungen zu Folge verletzt. Unsere Freunde vor Ort berichteten uns, dass die ersten Hilfslieferungen in die betroffenen Gebiete inzwischen eingetroffen sind, aber die Hilfe schleppend voranschreitet.
Wir, die Sangha der Pagode Phat Hue, sind tief betroffen über die aktuellen Geschehnisse im tibetischen Hochland und möchten den Menschen vor Ort beistehen. Wir werden für die Opfer beten, indem wir Kerzen des Mitgefühls und der Anteilnahme anzünden und den Medizinbuddha um seinen Segen bitten. Wir schicken den Helfern Kraft und Durchhaltevermögen für die Aufgaben, die vor ihnen liegen. Mögen Sie möglichst viele Menschen, die noch unter den Trümmern auf Hilfe warten, rechtzeitig auffinden.
Darüber hinaus möchten wir alle ZenschülerInnen, FreundInnen der Pagode und PatientInnen des Buddhistischen Gesundheitszentrums, um Ihre Spende und Gedanken positiver Energie für die betroffene Region bitten. Ihre Spenden werden direkt an die Hilfsorganisation von Xue Ke Rinpoche vor Ort weitergeleitet, so dass wir darauf vertrauen können, dass die Gelder dorthin gelangen, wo sie wirklich benötigt werden.
Bitte überweisen Sie Ihre Spende auf folgendes Konto:
D.V.B.G. e.V.
Frankfurter Volksbank
BLZ: 501 900 00
Kontonr.: 620 098 5883
Stichwort: Yushu
Wir danken Ihnen für Ihre Unterstützung und wünschen Ihnen alles Gute,
- Sangha der Pagode Phat Hue -
Der Ehrw. Abt, Thich Thien Son
Zu Ihrer Information: Selbstverständlich stellen wir Ihnen gerne nach Ablauf des Kalenderjahres eine entsprechende Spendenquittung aus (ab einem Spendenbetrag von 200 Euro – ansonsten reicht der Überweisungsbeleg für Ihre Steuererklärung). Bitte wenden Sie sich an unsere Buchhaltung: buchhaltung@phathue.de.
Samadhi 2010: Zur rechten Zeit am rechten Ort
Der viertägige Samadhi-Osterretreat in der Frankfurter Pagode, und nun seit zwei Jahren im Zentrum Buddhas Weg im Odenwald, hat mittlerweile Tradition. Dazu gehört auch, dass „jedes Samadhi“ seinen ganz eigenen Charakter innehat. Statt einem Korb bunt gefärbter Ostereier gab es für die fast 50 TeilnehmerInnen einen bunten Korb an Impulsen, um die durchbrechende Energie des Osterfestes für einen Neuanfang in das eigene Leben einfließen zu lassen.
„In den vier Tagen schaffen wir einen kleinen Raum – jenseits von Bewertungen, Kritik und den Theaterstücken unseres Alltags. Wir öffnen eine Tür zu uns selbst. Dazu müssen wir zunächst Schritt für Schritt die vielen Stimmen in uns zur Ruhe bringen.”
Der Tag begann um 5.15 Uhr mit der Morgenmeditation. Nach dem Frühstück gab Zen-Meister Thich Thien Son Impulse für den Tag. Anschließend blieb der Großteil der TeilnehmerInnen in der Buddhahalle, um in 25-minütigen und später bis zu 45-minütigen Meditationssitzungen, Körper und Geist zur Ruhe zu bringen. Zur jeweiligen Einleitung der Meditation gab es Affirmationen oder Themen, mit deren Hilfe man den Geist „festbinden“ konnte. Wer 60 Minuten oder länger am Stück meditieren wollte, konnte in einen anderen Meditationsraum wechseln, um in die Stille eintauchen zu können.
Nach dem Mittagessen gab es eine gemeinsame Gehmeditation in der wunderschönen Natur des umgebenden Odenwaldes. Nachmittags wurde erneut meditiert, der Abend war jeden Tag unterschiedlich gestaltet.
Reden ist Silber, Schweigen ist Gold
Um die Aufmerksamkeit effektiv auf die eigene Innenwelt richten zu können, wurde während der vier Tage das „edle Schweigen” praktiziert: Außerhalb der morgendlichen Belehrungen wurde seitens der TeilnehmerInnen nicht gesprochen.
„Wenn wir uns um Außen mit niemanden verbinden – wie fühlen wir uns dann? Fühlen wir uns schlecht, weil uns die Bestätigung und das Feedback unserer Mitmenschen fehlt oder geht es uns gar besser, weil wir endlich „Ruhe” haben und uns niemand bewertet?”
Durch das fehlende Ausagieren im Außen, wurde es viel schwieriger, „dem Anderen” die Schuld für den eigenen Gemütszustand zu geben. Dies ermöglichte die direkte Erfahrung, dass die Komponenten unseres eigenen Geistes der Regisseur unseres persönlichen Theaterstücks sind: Wir selbst entscheiden auf der Basis unserer Gewohnheitsstrukturen darüber, ob auf der Bühne unseres Lebens ein Drama oder eine Komödie aufgeführt wird.
1. Tag: „Ich bin angekommen – ich bin Daheim”
Viele TeilnehmerInnen waren direkt aus dem Stress des Alltags in den Odenwald gekommen. Daher lautete des Motto des ersten Retreattages zunächst: Runterkommen und ankommen – den Alltag loslassen. Sich selbst vergegenwärtigen, ich muss nirgends hingehen und nichts tun, außer zu atmen. Einatmen: Ich bin angekommen, Ausatmen: Ich bin Daheim.
In den folgenden Meditationseinheiten galt die Aufmerksamkeit dem eigenen Atem: „Ich weiß, dass ich atme”. Nicht mehr und nicht weniger – nicht dem Atem folgen, nicht bewerten, ob der Atem kurz oder lang ist – nur immer wieder vergegenwärtigen „ich atme”.
Waren Unruhe und Rastlosigkeit auf körperlicher Ebene erstmal besänftigt, konnte sich zunehmende Gelassenheit entwickeln. Je mehr innere Kämpfe und Panik auf der Gefühls- und Gedankenebene nachließen, umso tiefere Ruhe wurde erfahrbar. Die innere Ruhe ist dabei das Tor zu Freude und Glückseligkeit. Diese tragen wir bereits in uns, decken sie aber im Alltag durch Probleme und destruktive Emotionen zu.
2. Tag: „Alles was mir begegnet, ist zu meinem Besten”
Die Impulse des zweiten Tages galten der rechten Ansicht. Ein wichtiges Fundament der Buddhistischen Alltagspraxis ist der so genannte Achtfache Pfad. Die rechte Ansicht ist eine wichtige Voraussetzung für die Umsetzung des Achtfachen Pfades. So lange wir an unseren althergebrachten Überzeugungen und Einstellungen festhalten, können wir dem Hier und Jetzt nicht mit Offenheit begegnen. Wir schränken unser (Er)leben ein. Nur über das tiefe Verständnis von Vergänglichkeit, Nichtselbst und der Leerheit öffnen wir uns für die Vielfältigkeit eines jeden Moments.
Wenn wir die drei buddhistischen Begriffe in eine auch für Nicht-Buddhisten anwendbare Sprache übersetzen wollen, können wir sie folgendermaßen umschreiben:
1. Dort, wo ich in einem gegebenen Moment bin, bin ich am rechten Ort.
Indem wir ständig „irgendwo anders hin wollen”, erzeugen wir innere Unruhe und Rastlosigkeit. Diese verhindern die Erkenntnis, dass es nur ein Zuhause für uns gibt: In uns selbst.
2. Der Mensch, der mir begegnet, ist genau der, den ich gerade für meine weitere Entwicklung benötige.
Häufig regen wir uns über unsere Mitmenschen auf. Dieses und jenes passt uns nicht, wir wollen den anderen verändern, besonders in unseren engen Beziehungen. Oft zeigt sich jedoch mittel- oder langfristig, dass besonders jene Menschen, die wir zunächst gar nicht in unserem Leben akzeptieren konnten, diejenigen waren, die uns am meisten lehren konnten – besonders über uns selbst.
3. Wenn eine Beziehung, ein Streit oder ein Arbeitsvertrag zu Ende ist, dann ist er/sie zu Ende.
Es gilt loszulassen und offen zu sein für Neues. Nur so schaffen wir den notwendigen Raum, damit sich neue Bedingungen entfalten können.
4. Was auch immer gerade geschieht, ist genau das, was ich für mein weiteres Wachstum benötige.
Erst im Nachhinein sehen wir, ob ein Erlebnis für unsere Entfaltung förderlich war oder nicht. Wir kommen daher um die Erfahrung auf der körperlichen Ebene nicht herum. So lange wir etwas nur auf der Gedankenebene erwägen, bleibt es eine Fantasie und Gedankenspielerei.
Die vier Punkte beschreiben auf eine sehr leicht nachvollziehbare und menschliche Weise die Essenz der Vergänglichkeit. Wenn wir jeden Augenblick, so wie er sich gerade zeigt, mit all seinen Bedingungen und Eigenheiten akzeptieren können, können wir unser Leben wesentlich entspannter und mit offenem Herzen leben. Wir müssen nicht mehr gegen vermeintliche Feinde im Innen oder Außen ankämpfen. Wir erkennen, das, was auch immer geschieht, alles nur zu unserem Besten ist.
Am Abend des zweiten Tages gab es die Möglichkeit der Buddhistischen Zufluchtnahme. 24 RetreatteilnehmerInnen, darunter auch langjährige ZenschülerInnen des Meisters, nahmen die fünf Silas (Laiengelübde) oder Achtsamkeitsübungen für ihre weitere, buddhistische Praxis an. Die von Zen-Meister Thich Thien Son vergebenen Dharma-Namen gaben den Zufluchtnehmenden darüber hinaus wichtige und hilfreiche Impulse für ihren weiteren Weg.
3. Tag: „Ich bin ok und Du bist auch ok!”
Die Morgenimpulse des dritten Tages waren zunächst unserem 6. Sinn, dem Denksinn, gewidmet. Eines unserer größten Hindernisse auf dem Pfad zur Befreiung ist der Denksinn. Nicht etwa, weil Denken an sich „schlecht” ist: Denken ist weder gut noch schlecht. Es kommt darauf an, auf welche Weise wir es einsetzen. In der Regel neigen wir jedoch dazu, mit Hilfe des Denkens, die Dualität aufrechtzuerhalten und immer wieder neu zu erzeugen. Wir sind im Alltag ständig damit beschäftigt, uns mit anderen zu vergleichen und Dinge und Menschen (einschließlich uns selbst) zu bewerten.
Gerade auch während eines Schweige-Retreats werden zu Beginn besonders die ersten beiden Denkansätze bewusst, wir pendeln ständig zwischen ihnen hin und her. Der dritte Leitsatz ist derjenige, den wir als Praktizierende versuchen zu kultivieren.
1. „Ich bin ok, Du bist nicht ok!”
Um unsere eigene Wertigkeit wieder herzustellen oder aufrecht zu erhalten, neigen wir oft dazu, uns über andere zu stellen: „Also ich habe selbst Kinder und weiß, wie man sich als gute Mutter zu verhalten hat, aber was XYZ da macht, ist unmöglich!”
2. „Ich bin nicht ok, Du bist auch nicht ok!”
Je mehr wir uns selbst nicht in Ordnung finden, um so mehr suchen wir im Außen, also bei anderen, nach Fehlern und Schwächen. Dadurch steigern wir unser Selbstwertgefühl: „Ja, mein Vortrag war nicht besonders gut, aber der von XYZ war noch viel schlechter!”
3. „Ich bin ok und Du bist auch ok!”
Warum denken wir so selten auf diese Weise? Wenn alle ok sind und damit den gleichen Wert haben, bin ich bedeutungslos, verliere meine Besonderheit. Nur indem ich mich über oder unter andere stelle, kann ich mich abgrenzen und damit positionieren und definieren. Wenn alle gleich sind, fällt die Abgrenzung zunehmend schwer. Viele Menschen verlieren dann das Gefühl der Sicherheit und können sich daher nicht darauf einlassen.
Der Buddha sprach immer wieder von der gleichen Wertigkeit aller fühlenden Lebewesen. Dies gelingt uns nur, wenn wir uns Bewertungen und Verurteilungen nach und nach abtrainieren. Wir erreichen dies, wenn wir beginnen, ehrlich mit uns zu sein. Kein Mensch ist vollkommen, wir alle haben unsere Fehler und Schwächen. Auf unserem Weg der geistigen Schulung geht es darum, die Klarheit über uns selbst zu erlangen.
Dabei können uns die 5 Achtsamkeitsübungen oder Silas (Buddhistische Laiengelübde) als Leitfaden unterstützen.
Zum Abschluss des dritten Tages gab es eine Feuermeditation am österlichen Lagerfeuer. Die Stille, des sich ständig in Bewegung befindenden Feuerelements, und die sich ausbreitende Wärme in der ansonsten kühlen Nacht, zauberten eine Stimmung von Geborgenheit und Angekommen sein.
4. Tag: Vom Sinn und Unsinn des Tuns
Am letzten Retreattag sprach Zen-Meister Thich Thien Son über das rechte Tun.
1. Wozu soll das gut sein – die Frage nach dem Sinn
Bevor wir in die aktive Rolle gehen, also etwas bewegen wollen, neigen wir dazu, nach dem Sinn des Tuns zu fragen. Diese Sinnsuche ist meist aus unseren Gewohnheitsstrukturen motiviert und von Ängsten begleitet. Wir verleihen einer Handlung Sinn, indem wir über diese eine Verbindung zu einem Menschen oder einer Idee schaffen oder mit Hilfe einer bestimmten Funktion, etwas für jemanden tun.
Die Sinnsuche macht nur im gegenwärtigen Augenblick „Sinn”. Der Sinn wird dadurch definiert, wie Du in diesem Moment mit Dir selbst und Deinen Mitmenschen eine Beziehung aufbaust. Damit ist der Sinn nur im Hier und Jetzt erfahrbar – ansonsten arbeiten wir lediglich mit Gedankenkonstrukten und geben diesen künstlich auf der Basis unserer Fantasien und Vorstellungen einen Sinn.
2. Die Frage nach richtig und falsch
Darüber hinaus tragen wir ständig die Frage nach dem „Richtig oder Falsch” beziehungsweise, ist eine Handlung angemessen oder nicht, in uns. Damit blockieren wir unser Tun und bleiben in unseren Gedankenketten stecken. So halten wir beispielsweise aus der Angst heraus, die (illusionäre) Sicherheit zu verlieren, an einer Partnerschaft fest, die uns nicht gut tut.
Wir tragen zu wenig Vertrauen in uns, um aktiv nach neuen Entfaltungsmöglichkeiten und Handlungsalternativen zu suchen. Dadurch kommen wir gar nicht dazu, Fähigkeiten, die eigentlich in uns schlummern und nur darauf warten, geweckt zu werden, zu entwickeln.
3. Bin ich gut genug oder nicht – die Frage nach dem Wert
Wie bereits oben gesagt, bewerten wir ständig uns selbst und andere. Dies tun wir auch mit unseren Handlungen. Wenn wir z.B. unserer Ansicht nach vor der Gruppe versagt haben, indem wir die Morgenmeditation verschlafen haben, entziehen wir uns lieber den Rest des Tages ganz den Gruppenaktivitäten. Wenn uns keiner beobachtet, fühlen wir uns wieder gut und wertig. Dieses Muster finden wir auch in unserem Alltag – wir suchen unsere Nischen, in denen wir unbeobachtet und damit einer Bewertung von außen nicht zugänglich sind.
Auch die Frage nach der Wertigkeit ist nur im Hier und Jetzt sinnvoll. Wie viel Wert Du Dir in einem gegebenen Augenblick gibst, hängt davon ab, wie viel Verantwortung Du für Dich selbst und für andere, bereit bist zu übernehmen. Dabei geht es nicht darum, mit Hilfe der Übernahme von Verantwortung die eigene Wichtigkeit und damit unser Ego zu nähren. Vielmehr besteht das Ziel darin, die Verantwortung für die eigenen Emotionen und Handlungen zu übernehmen. Wenn ich jetzt einen Wutanfall ausagiere, bin ich bereit, die Verantwortung dafür zu tragen?
Bei allen drei Fragen, also nach dem Sinn, dem Richtig oder Falsch und nach der Wertigkeit, ist es wichtig, dass wir die Antworten in uns selbst und nicht außerhalb von uns suchen. Dies gelingt uns nur, wenn wir in einem ersten Schritt Respekt für uns selbst aufbauen, z.B. indem wir uns regelmäßig die Zähne putzen, also unseren Körper pflegen, schön anziehen, gesund ernähren usw. Wenn wir uns selbst wirklich wertschätzen können, können wir auch den Anderen respektieren und annehmen – in all seiner Eigenheit. Wir müssen nicht mehr ständig kritisieren und nörgeln. Wir können uns sagen: „Ah, sie zieht sich so an, damit sie sich wohlfühlt” und nicht „weil sie so einen schlechten Geschmack hat”.
Nachmittags in der Abschlussrunde wurde deutlich, wie viel in den vergangenen Tagen durch Stille und Reflektion bei den TeilnehmerInnen in Bewegung gesetzt wurde. Viele wunderschön bemalte Ostereier, im grünen Dickicht des eigenen Geistes gut versteckt, wurden gefunden. Nun gilt es die zahlreichen Impulse mit nach Hause zu nehmen und in den Alltag zu integrieren. Dazu sind die Entwicklung von rechter Ansicht und rechtem Tun notwendig, um mit Nachhaltigkeit weiter praktizieren zu können.
Wir bedanken uns bei allen TeilnehmerInnen des Retreats –
Alles Gute und viel Kraft für Eure weitere Praxis!
Trauma und Depression: Abgeschnitten von der Lebendigkeit
Mehr als 170 Menschen fanden sich am Mittwochabend in der Buddhahalle der Pagode Phat Hue ein, um den Ausführungen von Zen-Meister Thich Thien Son zum Thema Depression und Trauma zuzuhören. „Gefühle sind ein Indikator dafür, dass wir am Leben sind. Sie kommen und gehen. Wenn dieser Fluss aufgrund von schmerzhaften Erfahrungen stagniert, gerät unsere Lebensenergie ins Stocken. Wir verlieren den Kontakt zu uns selbst und zu unseren Mitmenschen.”
Depressionen – graue Wolken am Horizont unseres Geistes
Jeder 6. Patient in einer deutschen Allgemeinarztpraxis klagt über Depressionen. Betroffen sind nicht nur Erwachsene, sondern zunehmend auch Kinder und Jugendliche. Während vor allem Kinder über eher unspezifische Symptome wie wiederholte Bauchschmerzen und Spielunlust klagen, zeigen die meisten Erwachsenen eindeutigere Beschwerden.
Die Palette depressiven Erlebens reicht von chronischer Unzufriedenheit mit Reizbarkeit und aggressiven Durchbrüchen bis zu anhaltender innerer Lähmung und Schwermut, sowie in schwereren Fällen, Todessehnsucht. Wenn wir Gefühle dieser Art in uns tragen, entsteht eine Raum nehmende, depressive Gefühlswolke, die den Zugang zu Gefühlen der Freude und Zuversicht versperrt. Mit fortschreitender Symptomatik wird die gesamte Wahrnehmung immer weiter depressiv verfärbt und die Welt erscheint grau in grau.
Körper und Geist bilden eine Einheit…
Wenn wir auf der geistigen Ebene chronisch unzufrieden und niedergeschlagen sind, spiegelt sich dies auch in unserem Körper wider.
Daher finden sich in der Mehrzahl der Fälle auch auf der körperlichen Ebene Begleiterscheinungen, zum Beispiel Gewichtsverlust oder –zunahme, Schlafstörungen, Rückgang des sexuellen Verlangens und ausgeprägte Erschöpfbarkeit.
Auch unter den Menschen jenseits des 60. Lebensjahres haben Depressionen in den letzten Jahren drastisch zugenommen. „Die Menschen in der heutigen Zeit, vor allem in den Großstädten, definieren sich über ihre Leistung. Mit zunehmendem Alter stellen sie fest, meine körperlichen Möglichkeiten lassen nach, ich bin nicht mehr so leistungsfähig. Es entsteht das Gefühl der Wertlosigkeit und oft auch die Befürchtung, anderen eine Last zu sein.” Auf dem Land sieht dies in vielen Fällen noch anders aus: Die Familienältesten sind oft jene Menschen, die, aufgrund ihrer Lebenserfahrung, die Entscheidungen für die anderen Familienmitglieder fällen. Wir sollten die Weisheit unserer Mitmenschen im hohen Lebensalter wieder wertschätzen lernen. Sie können uns viel geben.
Depressive Männer – depressive Frauen …
Auch im Hinblick auf das Geschlecht, gibt es in der Ausprägung der depressiven Symptomatik erhebliche Unterschiede. Während Männer auch heute noch häufig Schwierigkeiten haben, mit ihren Gefühlen in Kontakt zu treten, definieren sich Frauen oft über ihre Gefühle.
Während einer Depression neigen Männer eher zu chronischer Unzufriedenheit und abwehrender Aggression und Reizbarkeit. Sie versuchen über das Ausagieren dieses Verhaltens den Kontakt zu ihrer Mitwelt aufrechtzuerhalten und ihre wirklichen Gefühle von innerem Schmerz zu überdecken. Meist wird dabei deutlich gemacht, dass „die anderen” (die Partnerin, der Chef, der Hund) Schuld an ihrem Leid sind.
Frauen hingegen ziehen sich häufig in Ohnmachtsgefühle und Hilflosigkeit zurück. Sie demonstrieren damit: „Ich kann nicht mehr, ich brauche jetzt Deine Hilfe.” Sie versuchen sich am Partner oder am Kind festzuhalten, um die verloren gegangene innere Sicherheit wiederzuerlangen.
Wie entstehen Depressionen?
Es gibt zahlreiche Ursachen für die Entwicklung einer Depression: z.B. Phasen der hormonellen Umstellung bei Frauen, Lichtmangel – vor allem im Winter, körperliche Erkrankungen wie Krebsleiden oder auch Medikamente wie Beta-Blocker oder die „Antibabypille”. Auch die Vererbung spielt eine wichtige Rolle: Zwillingsstudien zeigen, dass bestimmte Formen der Depression genetisch bedingt sind oder ihr Auftreten zumindest durch bestimmte Gen-Kombinationen begünstigt wird.
Oft ist es so, dass wir bereits unsere Kinder zur Depression erziehen, z.B. indem man versucht, sie zu übermäßiger Sauberkeit zu trainieren. Damit erzieht man sie, vom Leben Abstand zu nehmen. Hierbei fällt gerade auch in Asien auf, dass vor allem reiche Kinder von Depressionen betroffen sind, während Kinder in Slums mehr darauf konzentriert sind, ihr Überleben zu sichern.
Einschneidende Lebensereignisse, in welchen plötzlich Bezugspersonen nicht mehr da sind und Sicherheiten wegbrechen, können in der Folge ebenfalls zu depressiven Reaktionen führen.
Was tun, wenn der Partner/die Mutter/der Sohn depressiv sind?
Für die Angehörigen von Betroffenen gilt: Sie brauchen viel Geduld, um ihren Familienmitgliedern aus einer depressiven Krise herauszuhelfen. Die innere Welt eines depressiven Menschen ist oft nicht leicht für Außenstehende nachzuvollziehen. Zunächst gilt es, tiefes Zuhören zu praktizieren. Denn oft ist „ein offenes Ohr” in der heutigen Zeit genau das, was fehlt und dringend notwendig ist. Das Signal „ich bin da für Dich” – kann häufig Wunder wirken, soll aber nicht dazu führen, die depressive Symptomatik, beispielsweise das Gefühl der Hilflosigkeit, zu nähren. Irgendwann kommt dann der Punkt, an dem „sanfter aber bestimmter Druck” angesagt ist. Dies kann z.B. im Rahmen eines gemeinsamen Spaziergangs geschehen. Denn: Auch Bewegung ist zum Kurieren einer Depression unabdingbar. Es müssen zu Beginn keine großen Sprünge sein, der Waldspaziergang oder fließende Übungen aus dem Qi-Gong genügen zunächst, um die stagnierende Lebensenergie wieder ins Fließen zu bringen.
Auch die Traditionelle Chinesische Medizin kann helfen
Aus der Sicht der Traditionellen Chinesischen Medizin gehen depressive Symptome mit einer geschwächten Nierenenergie und häufig auch mit einer Überaktivität im Leberfunktionskreis einher. Schlafstörungen und Änderungen des Appetits lassen sich darauf zurückführen. Auch die Schilddrüse ist in vielen Fällen in Mitleidenschaft gezogen – sei es in Form einer Unter- oder Überfunktion. Entsprechende Akupunktur, aber auch eine Therapie mit Chinesischen Heilkräutern können hier den Heilungsprozess unterstützen. Hilfreich ist auch eine Ernährungsumstellung gemäß den Richtlinien der Fünf-Elemente-Küche. Vitaminreiche Kost zum Harmonieren der Leberenergie, sowie wärmende Speisen für die Unterstützung des Nierenfunktionskreises stehen dabei im Vordergrund.
Manchmal nicht zu vermeiden: Antidepressiva
In besonders schweren Fällen kann eine stationäre Behandlung und die Therapie mit Medikamenten, üblicherweise mit Antidepressiva, vorübergehend notwendig sein. Dennoch sollte man nicht länger als unbedingt erforderlich, zu Medikamenten greifen. Aufgrund ihrer Wirkungsmechanismen haben Antidepressiva ein weit gefächertes Spektrum von Nebenwirkungen. Darüber hinaus sind sie zwar imstande, ein Ungleichgewicht der Botenstoffe im Gehirn (vor allem Serotonin und Noradrenalin) für einen gewissen Zeitraum auszugleichen, können aber nicht die oftmals einer depressiven Symptomatik zugrunde liegenden Konflikte und Traumata lösen.
Den Menschen begleiten – die Seele heilen …
Dazu ist eine psychotherapeutische Begleitung notwendig. Entscheidend dabei ist, dass der Therapeut die Fähigkeit des „Mitfühlens” hat und zuhören kann – Qualitäten, die leider nicht in allen therapeutischen Praxen zu finden sind.
„In Vietnam herrschte Krieg, als ich dort im Kloster aufwuchs. Ständig kamen Menschen, die plötzlich Familienangehörige oder ihr gesamtes Hab und Gut verloren hatten. Man wusste nie, ob die Familie am nächsten Tag noch leben würde. Von den schweren Traumata auf der Flucht ganz zu schweigen. Da war es ganz natürlich, dass die Mönche und Nonnen all die schmerzhaften Prozesse begleiteten. Auf diese Weise wurden wir aufgrund der Notwendigkeit und der daraus erwachsenen Erfahrung auf ganz natürliche Weise zu Begleitern und Therapeuten. Wir haben gelernt, den Menschen in schwierigen Zeiten beizustehen.”
Lebendigkeit wiederfinden, dank Licht und Farben…
Licht- und Farbtherapie sind ebenfalls hilfreich bei der Behandlung von Depressionen. Eine morgendliche „Lichtdusche” von 10.000 Lux hilft vielen Betroffenen über die weit verbreitete Winterdepression hinweg. Auch Wechsellampen mit abwechselndem Farblicht (5 Minuten pro Farbe) gleich einem bunten Regenbogen, können die Lebendigkeit wieder anregen.
Untersuchungen zufolge können auch die Farben Braunrot und zartes Apfelgrün andauernde Schwermut besänftigen. Ein tiefes Braunrot vermittelt die Geborgenheit des Mutterleibs, diese Farbe ist uns vertraut aus unserer vorgeburtlichen Zeit. Das zarte Grün sorgt dann, wenn wir die Grundlage für unsere innere Geborgenheit wieder erlangt haben, für Frische und neuen Lebensmut.
Was passiert nach einen Trauma?
Nach dem Erleben eines traumatischen Geschehens, wie etwa nach einer Vergewaltigung oder einem Flugzeugabsturz, kommt es zunächst zu einem kurzzeitigen Aussetzen des Verstandes. Die Intensität des Schmerzes ist für unsere Psyche nicht tragbar – ein Betäubungsmechanismus tritt in Kraft, um die mit dem Trauma verbundenen Bewusstseinsinhalte zu verschleiern.
Das Trauma wird eingekapselt und ist so unserer bewussten Erinnerung in der Regel nicht mehr zugänglich. Bei einigen Betroffenen „meldet” sich das Trauma nach einiger Zeit in Form von so genannten Flash-backs, Erinnerungsfetzen des traumatischen Geschehens, wie z.B. Geruchsfragmente, zurück. So lange wir das Trauma nicht bewusst kennen, besteht die Gefahr der Retraumatisierung. Über unsere Gewohnheitsstrukturen suchen wir instinktiv immer wieder vergleichbare, uns traumatisierende Situationen auf. Wir verbinden die schmerzhafte Empfindung mit unserem Ich-Gefühl, definieren uns über den Schmerz und erhalten damit – so meinen wir – unsere Lebendigkeit.
Wie kann man Traumata überwinden?
Nur über die Bewusstwerdung der traumatischen Erfahrungen kann das Trauma konstruktiv bearbeitet werden. Es kann zwar nicht gänzlich aufgelöst werden, da es als Abdruck in unserer Erinnerung gespeichert ist, aber über die Bearbeitung unserer Annahmen und Wandel der inneren Haltung zum traumatischen Ereignis können wir das Geschehene zunehmend integrieren. Dies kann zum Beispiel im geschützten Rahmen unserer ZEN-Seminare geschehen.
Im Buddhismus sagen wir, die Vergangenheit ist vergangen, wir können daran nichts mehr verändern. Aber wir können jeden Moment unseres Seins neu definieren und gestalten. So können wir dem Hier und jetzt mit Offenheit begegnen.
Das Trauma verliert zunehmend an Brisanz, nimmt weniger Raum in uns ein.
Depressionen als Betäubungsmittel…
Eine Depression auf traumatischer Grundlage dient als Selbstschutz, um eine Retraumatisierung zu verhindern. Denn durch Abnahme der Lebendigkeit vermindern wir die Intensität der Schmerzwahrnehmung. So gesehen dient die Depression hier als Betäubungsmittel.
Wenn die depressive Symptomatik abnimmt, kann das zugrunde liegende Trauma dem Bewusstsein zugänglich gemacht werden, was auch bedeuten kann, dass der Schmerz aktiviert wird. Daher ist bei diesem Prozess eine kompetente, therapeutische Begleitung unerläßlich.
Bei Depressionen und anderen Folgen von traumatischen Erfahrungen ist es gleichermaßen hilfreich, sich immer wieder zu vergegenwärtigen:
„Du bist nicht die Depression – Du bist nicht das Trauma. Du bist viel mehr als das.”
Und, wie bereits oben gesagt, „was vergangen ist, ist vergangen. Was jetzt ist, ist die Gegenwart. Und jeder Moment Deines Seins, ist Deine Chance für einen Neuanfang.”
“Lebe jetzt!”
VERANSTALTUNGSHINWEISE:
Vom 16. bis 18. April 2010 findet ein Themen-Wochenende mit Zen-Meister Thich Thien Son zur Vertiefung des Vortragsthemas statt.
Veranstaltungsort: BUDDHAS WEG Kloster, Seminarhaus & Gesundheitszentrum im Odenwald
Der nächste Vortrag der Reihe “Heilung von Körper und Geist” mit Zen-Meister Thich Thien Son findet am Freitag, 23. April zum Thema “Umarme Deine Wut” statt.
Cafe Siddhartha – der Sangha Abend der Pagode Phat Hue
Jeden 1. Donnerstag im Monat- 18.30 – 22.00 Uhr
Ein Abend, um sich gegenseitig kennen zu lernen, zu unterstützen und die Sangha-Gemeinschaft mit zu gestalten. Jeder ist herzlich willkommen! Wir freuen uns über Kuchen, Plätzchen und Teespenden die wir gemeinsam teilen können.
Für “Neuankömmlinge”
Die Mönche und Nonnen der Pagode sind stets bereit, ihre Fragen zu beantworten – kommen Sie einfach auf uns zu! Unser Informationstisch klärt Sie über alle Angebote der Pagode Phat Hue sowie über unser neues Waldzentrum “Buddhas Weg” auf. Hier können Sie auch Vorträge unseres Abtes und weiterer buddhistischer Meister auf DVD erwerben.
Die 5 Elemente im Innen und Außen
Nach Auffassung der Traditionellen Chinesischen Medizin und dem I Ging unterscheiden wir fünf Elemente: Feuer, Wasser, Erde, Metall und Wind. Wir finden diese nicht nur in uns selbst – die ganze Welt setzt sich aus ihnen zusammen. Die verschiedenen Elemente repräsentieren Energien, die wir durch unsere Gefühle, Gedanken und Gewohnheiten ausdrücken. Entsprechend wird unser Umfeld darauf reagieren. Denn unsere innere Einstellung oder Haltung gegenüber den Dingen, bestimmt darüber, wie wir mit unserer Umwelt in Kontakt treten. Das bedeutet, dass wir mit Hilfe der fünf Elemente ein Stückweit unser Schicksal beeinflussen (können): Wenn wir wissen, welche Elemente unser Denken und Handeln bestimmen, können wir unsere „Ecken und Kanten“ mit den fehlenden Elementen etwas sanfter schleifen. Wir erlangen so mehr Harmonie in unserem Leben und vermehren unser Wohlbefinden und unsere körperliche und seelisch-geistige Gesundheit.
1. Das Feuerelement
Menschen mit einem vorherrschenden Feuerelement verfügen über sehr viel Energie. Oft haben sie eine rötliche Gesichtsfarbe, scharfe Augen mit kleinen Blitzen darin und sind eher kräftiger Statur. Sie neigen zu Hektik und Ungeduld, sind emotional und sehr zielstrebig. Letzteres ist nicht nur von Vorteil: Es kommt darauf an, wie sie ihren Überschuss an Energie einsetzen. Zum Beispiel an ihrer Arbeit können sie sehr viele Dinge effektiv vorantreiben. Stellen sich ihnen aber Hindernisse in den Weg, werden sie sie – ohne Rücksicht auf Verluste – zu durchbrechen versuchen. Auch freundschaftliche Bande oder familiäre Verpflichtungen hindern sie nicht daran, weiter vorwärts zu preschen.
Das Feuerelement ist wie eine Flamme im Winter: Nach außen wird sehr viel Energie und Wärme abgegeben, innen aber kühlen die Menschen mit viel Feuer aus. Wenn es darum geht, Mitgefühl und Verständnis für andere zu entwickeln, fällt es ihnen eher schwer. Sie sind sehr auf sich selbst fixiert und schauen weniger nach rechts und links. Im Kontakt mit diesen Menschen sind wir daher eher geneigt, auf Distanz und Abstand zu gehen – wir finden sie nicht besonders anziehend und sympathisch.
Oberflächlich betrachtet, könnte man meinen, dass die Energie eines Menschen im Zeichen des Feuers durch einen Partner im Wasserelement ausgeglichen wird. Das ist nur teilweise so. Das Wasserelement ist sehr langsam und träge, was die Ungeduld des Feuermenschen auf Dauer sehr strapaziert. Reibung und Unstimmigkeit in der Partnerschaft sind so langfristig vorprogrammiert. Die Kombination mit einem „Windpartner“ hingegen ist vielversprechend: Eine Frau mit viel Windelement kann das Feuer gut kontrollieren. Wenn sie mehr Feuer möchte, pustet sie ein bisschen und facht das Feuer an. Wird ihr die feurige Energie zu viel, kann sie sie mit Hilfe ihres Windelements auspusten.
Der Feuermensch kann aufgrund seiner kraftvollen Energie und Zielstrebigkeit beruflich und finanziell viel erreichen. Auf der anderen Seite kann er aber auch schnell alles verlieren – nichts ist bekanntlich von Dauer, alles kommt und geht, so auch materieller Besitz und Karriere. Er kann die Dinge nicht festhalten.
Die Blütezeit des Elements Feuer ist zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr. In diesem Alter haben Menschen mit viel Feuer bereits viel aus ihren Lebenserfahrungen gelernt und setzen ihre Energie daher klüger ein. Ihre innere Haltung ist aber noch die eines Kindes. Ähnlich einem Kind, das sein Spielzeug sofort haben will, sind sie emotional sehr unreif und haben eine geringe Frustrationstoleranz. Sie können viel bewegen, aber übernehmen ungern die Verantwortung. Kommt es zu (negativen) Konsequenzen und Kritik, können sie das nur schwer ertragen und suchen sich lieber eine neue Herausforderung.
Bei Menschen mit viel Feuer überwiegt das Yang, das heißt die aktive, „männliche“ Energie. Dies führt dazu, dass man dazu neigt, viel Energie nach außen abzugeben und zu verpulvern. Über kurz oder lang wird das gesamte Herz-Kreislaufsystem einschließlich der Gefäße, dadurch in Mitleidenschaft gezogen. Gleichzeitig, mit der übermäßigen Energie im Funktionskreis Herz, finden wir eine Schwäche im Nierenfunktionskreis: Nieren und Blase kühlen zunehmend aus.
Das hohe Energieniveau kann der Organismus nicht über lange Zeit aufrechterhalten – daher haben die Menschen mit vorherrschendem Feuerelement keine zu hohe Lebenserwartung. Wenn sie Glück haben, können sie das 70. Lebensjahr erreichen. Oft sterben sie jedoch früher an z.B. Herzinfarkt und Schlaganfall.
Es ist daher wichtig, dass sie frühzeitig lernen, den Überschuss an Feuer mit Wasser und Erde zu beruhigen. Dies macht nicht nur den Alltag und das Zusammenleben mit anderen harmonischer, sondern verlängert auch die Lebenserwartung.
2. Das Wasserelement
Wasser an sich ist leise – erst, wenn es bewegt wird, z.B. durch den Wind, wird es laut. Es ist eher langsam, träge, passiv – es fließt dorthin, wo es auf den geringsten Widerstand trifft. Aber es ist durchaus zäh. Im Westen kennen wir das Sprichwort: „Steter Tropfen höhlt den Stein”. Die Geschwindigkeit und Fließeigenschaft sind demnach abhängig von den äußeren Bedingungen. Sind die Bedingungen harmonisch, fließt es ruhig. In kritischen Situationen jedoch, z.B. im Zuge von Naturkatastrophen wie dem Tsunami, kommt es in Bewegung und kann Verheerendes bewirken.
Wassermenschen haben einen leichtfüßigen Gang und sind eher zierlichen Körperbaus. Sie sind eher ruhige Zeitgenossen und können sehr verständnisvoll und hilfsbereit sein – sie sind gute Zuhörer. Aber wenn man sie reizt und ärgert, oder gar in eine Ecke drängt, können sie richtige Wellen aufreißen. Das kann gefährlich werden und man erlebt eine (unschöne) Überraschung.
Da das Wasserelement so flexibel ist, kann man diese Menschen schwer konfrontieren. Sie sind nicht greifbar und entziehen sich immer wieder.
In Asien sagt man, wenn eine Frau von dem Wasserelement bestimmt wird, ist es ok, aber bei einem Mann wird es als eher ungünstig betrachtet. Er wird sich später aufgrund seiner Nachgiebigkeit im Leben nur schwer durchsetzen können, sei es in der Ehe oder im Beruf. Im finanziellen Bereich sieht es ähnlich aus: Ein Wassermensch schafft typischerweise nicht wirklich den großen Durchbruch oder die große Karriere. Sein Leben wird daher in finanzieller Hinsicht eher bescheiden ausfallen.
Auf körperlicher Ebene zeigen sich oft Anspannungen und Verspannungen. Menschen mit viel Wasserelement müssen viel aushalten, „schlucken“ viel. Sie haben daher auch häufig Verdauungsprobleme wie Verstopfung und Blähungen. Die Yang-Energie ist zu wenig, daher neigen sie zu Schwäche und Antriebslosigkeit. Aber Wasser ist ein zähes Element – sie können daher sehr alt werden.
3. Das Element Erde
Ein Mensch mit viel Erdelement wird eher kräftiger sein, seine Gesichtszüge, seine Nase und Lippen, sind ausgeprägt. Allein schon durch ihr Erscheinungsbild, aber auch durch ihre sehr ruhige Art strahlen sie sehr viel Bodenständigkeit und Vertrauen aus. Sie wirken etwas reserviert, sind sehr bescheiden. Sie zeigen nicht viel von dem, was sie an Potential in sich tragen. Deshalb vermitteln sie auch nicht das Gefühl, man wird von ihnen verurteilt oder kritisiert. Man fühlt sich angenommen. Da sie viel Ruhe in sich tragen, können sie zu tiefen Erkenntnissen gelangen. Sie reflektieren viel über Gott und die Welt. Ein Mensch mit viel Erde trägt die innere Weite in sich – er muss sich nicht im Außen präsentieren wie Feuer- und Windelement.
So ist er auch in seinen Beziehungen eher zurückhaltend und ruhig. In seinem Beruf sind ihm Zuverlässigkeit, Detailtreue und Einfachheit wichtiger als die große Karriere. Antreibender Ehrgeiz ist ihm eher fremd. In zwischenmenschlichen Beziehungen, gerade auch in Partnerschaften mit Wind und Feuer übernehmen sie die Rolle des Ruhepols. Dies kann aber auch dazu führen, dass sie von ihrem Partner als zu langweilig empfunden werden.
Die Ruhe des Erdelements spiegelt sich auch auf körperlicher Ebene wider. In der Regel kommt es erst relativ spät zu schwerwiegenderen Erkrankungen. Er neigt zu Wasseransammlungen, auch zu Krampfadern, in den Beinen.
4. Das Element Metall
Der Mensch mit viel Metallelement hat häufig ein viereckiges Gesicht und wirkt in seiner Körperhaltung eher steif und unbeweglich.
Er trägt sehr viele Komplexe in sich, kann nicht gut mit Kritik umgehen und ist schnell beleidigt. Da er so große Schwierigkeiten mit Kritik hat, schützt er seine Rollen und sein Image nach außen, indem er sich selbst als perfekt darstellt. Dies entspricht aber oft nicht der Realität.
Er neigt dazu, andere zu bewerten und zu verurteilen und geht gerne auf Distanz zu seinen Mitmenschen. Wenn er spricht, benutzt er häufig die Namen berühmter Leute, wie z.B. „Der Dalai Lama hat gesagt…”, um seinen Aussagen mehr Wertigkeit zu verleihen. Intellektuelles Wissen vermittelt ihm ein Gefühl der Sicherheit, daher schmückt er sich gerne damit.
Metall ist an und für sich kühl, passt sich aber, abhängig von der Umgebungstemperatur auch schnell an. Es wird folglich schnell kalt und warm.
Auf gleiche Art und Weise macht er sich auch von den Meinungen und Äußerungen seiner Umgebung abhängig: Er hängt sein Fähnchen in den Wind. Je nachdem, was gerade aktuell „in” ist, wird er dies gerne für sich übernehmen. Dies ist im spirituellen Bereich genauso wie im wirtschaftlichen Bereich. Je nach den situativen Bedingungen passt sich das Metall an. Sucht man nach einem zuverlässigen Geschäftspartner, sollte man diese Eigenschaft des Metalls mit berücksichtigen. Loyalität ist eher nicht seine Stärke. Sucht man jedoch nach einem Partner, sei es privat oder im Beruf, der ein gutes Gespür für Finanzen hat, ist man mit einem Metallmenschen gut beraten.
Möchte man aber eine feste Liebesbeziehung mit ihm eingehen, ist eher Vorsicht geboten: Wie schon gesagt, neigt Metall zur Wechselhaftigkeit. Sieht er eine schöne Frau, wird er schnell warm, kritisiert ihn seine Ehefrau, kühlt er schnell aus.
Auf der körperlichen Ebene neigt Metall zum Festhalten. Er klagt daher häufig über Verstopfung und andere Darmprobleme. Da er so rastlos ist und ständig versucht, perfekt zu sein, tendiert er zu Stresskrankheiten bis hin zum Burnout.
5. Das Element Wind
Menschen mit viel Windelement sind eher zierlich und bewegen sich schnell und hektisch. Bisweilen wirken sie sehr unruhig und nervös. Viele Frauen tragen das Windelement in sich – vor allem in Asien. Wind bringt Bewegung und Abwechslung. Zu viel davon, kann zu Chaos und Verwirrung führen. Wenn etwas in der Fülle oder im Stau ist, bringt das Windelement die heilsame Bewegung und die Energien können wieder fließen. Trifft der Wind jedoch auf eine energetische Leere, wird es turbulent.
Wind kann überall eindringen, er hat den Überblick – er ist also alles andere als ein Luftikus. Da sie viele verschiedene Perspektiven im Blick haben, sind Menschen mit viel Windenergie nützliche Berater. Auch im Bereich Finanzen und Buchhaltung leisten sie hilfreiche Dienste.
Allerdings vergessen sich Windmenschen schnell – sie können sich nur in der Bewegung spüren und wahrnehmen, was dazu führt, dass sie sich über kurz oder lang, gerade auch in der Familie oder im Beruf, verausgaben.
Ein Übermaß von Windenergie führt zu Unruhe – dies kann sich auf seelisch-geistiger Ebene in zu viel Sorgen, Ängsten, Depressionen und Vergesslichkeit zeigen. Körperlich haben sie eine Tendenz zu Schlaganfällen und dementiellen Erkrankungen, wie z.B. Morbus Alzheimer.
Wer wir sind – Impulse jenseits von Konfession und Dualität
Unsere Annahmen und Konzepte, mit welchen wir die Welt betrachten und kategorisieren, begrenzen unsere Wahrnehmung und damit unser tägliches Erleben. Je nachdem, aus welchem kulturellen und/oder spirituellen Umfeld wir stammen, laufen wir mit einem entsprechend voreingestellten Tunnelblick durch unser Leben. Dabei sind wir häufig auf das Außen fokussiert. Sei es, dass wir die Verantwortung für unser Leid oder Wohlbefinden an unser Umfeld abgeben, oder aber alles tun, um den (vermeintlichen) Erwartungen unserer Mitwelt zu entsprechen: „Ich muss unbedingt noch 10 Kilo abnehmen, dann wird mein Partner bestimmt bei mir bleiben” und „Ja, wenn meine Tochter besser in der Schule wäre, muss ich nicht ständig Stress haben!”
Doch was ist eigentlich mit uns selbst? Wo bleiben wir und wer oder was sind wir?
Nicht nur im Buddhismus, sondern in allen Religionen und auch Philosophien der Welt wird die Frage nach dem „wer bin ich” gestellt. Besonders in Zeiten persönlicher Krisen und tief greifender Veränderungen, stellen wir uns Fragen dieser Art. Oft betrachten wir uns dabei nicht isoliert, sondern suchen auch nach einem Schöpfer, einer übergeordneten Macht, einer kosmischen Energie oder im Buddhismus nach der Leerheit. Dabei gibt es zwischen den einzelnen spirituellen Ansätzen zwar große Unterschiede hinsichtlich der Terminologie – schaut man aber hinter die einzelnen Begriffe wird deutlich, dass die Ideen oder das Grundverständnis über die Natur des Menschen und des Kosmos einander sehr ähneln.
Überwinden wir unseren Geist begrenzende Vorurteile und studieren wir z.B. als Buddhisten die Bibel, werden wir dort auch für uns fruchtbare Impulse finden. Begriffe wie Selbst, Seele oder Gott, die im Traditionellen Buddhismus oft verneint werden, können dann in einem anderen Licht betrachtet werden. Die offene Betrachtungsweise erweitert lediglich den eigenen Horizont und vertieft den Einblick und das Verständnis über die Erscheinungen der Welt.
Je offener unser Geist für die Vielfalt der Möglichkeiten ist, umso mehr sind wir bereit, die Leerheit, über das lediglich intellektuelle Verstehen hinaus, zu erfahren.
Wer oder was sind wir?
Um diese Frage beantworten zu können, sollten wir vor allem drei Aspekte, die unser Denken und Handeln bestimmen, unterscheiden lernen: Das äußere Ich (Selbstbild), das innere Ich (Seele, Psyche, Geist) und das Selbst (Leerheit, Gott, Kosmos, Buddhanatur).

1. Das äußere Ich – (Selbst- und Wunschbilder)
Das äußere Ich enthält die Vorstellungen darüber, wie wir uns der Außenwelt präsentieren möchten, aber auch Wunschbilder, die wir sinnlos verfolgen, z.B. „ich bin stark.“ Wir wollen stark sein für jemand anders – nicht für uns selbst. Typische Bedürfnisse des äußeren Ichs sind daher Anerkennung, Wertschätzung und Akzeptanz. Wenn wir im Alltag miteinander kommunizieren, tun wir dies in der Regel über unser äußeres Ich. Abhängig von der Rolle, die wir in einem gegebenen Augenblick erfüllen möchten, verändert sich das jeweilige Selbstbild. Wenn z.B. eine Frau, während sie ihr Kind in den Kindergarten bringt, die Rolle einer guten Mutter erfüllen möchte, wird sie ein „Gute-Mutter-Selbstbild“ mit der Botschaft „ich bin fürsorglich” benutzen. Geht sie danach zu ihrem Arbeitsplatz, wird das Selbstbild eher von Qualitäten wie z.B. Stärke und Ehrgeiz bestimmt sein. Dies bedeutet, dass wir nicht nur ein Selbstbild in uns tragen, sondern unzählige. In der inneren Arbeit geht es darum, die von uns bevorzugten Selbstbilder und die Situationen, in welchen wir sie vorzugsweise einsetzen, zu identifizieren. Auf diese Weise lernen wir die Funktionsweise unseres Ichs verstehen und werden dadurch offener für die zwei weiteren Aspekte.
2. Das innere Ich – (Psyche, Geist, Bewusstsein, Seele)
Die Bedürfnisse des inneren Ichs sind Geborgenheit, Frieden, Liebe und Harmonie. Oft setzen wir die „innere Stimme” unseres inneren Ichs mit dem Selbst gleich. Die innere Stimme jedoch ist lediglich die Widerspiegelung unseres äußeren Ichs, der so genannte duale Gegenpol. Das innere Ich ist die Verbindung nach Innen, über das äußere Ich verbinden wir uns mit dem Außen. Jedesmal wenn wir mit der Außenwelt in Wechselwirkung treten, erzeugt dies auch eine innere Reaktion, die sich z.B. über Gefühle und Emotionen ausdrückt. Während wir nach außen demonstrieren „ich bin stark und mich wirft nichts um”, äußert das innere Ich oft das Bedürfnis, einfach nur geliebt werden zu wollen. Das innere Ich bzw. dessen Bedürfnisse entwickeln wir für uns selbst, nicht für jemand anders. Das äußere Ich ist das Reich der Annahmen und Konzepte – das innere Ich beherbergt den Ozean der Gefühle und Emotionen, welche die vielfältigen Reaktionen auf die im äußeren Ich angelegten Annahmen sind. Das bedeutet auch, dass im inneren Ich alle Verletzungen, Ängste und schmerzhaften Erfahrungen abgelegt sind.
3. Das Selbst – (Leerheit, Buddhanatur, Kosmos, Gott)
Das Selbst ist immer da – es wird weder geboren, noch stirbt es. Es ist ein Zustand von unendlicher Weite, Intersein oder eins sein mit Allem. Hier sind Konzepte und Gefühle keine Hindernisse mehr, da es dem Selbst möglich ist, die Dinge direkt, ohne jegliche subjektive Filter oder Verzerrung, wahrzunehmen.
Es bietet Raum für uns selbst, wir müssen dafür nichts tun und nirgends hingehen. Das Selbst trägt unendliche Möglichkeiten in sich und ist allgegenwärtig. Aber im Alltag haben wir häufig den Zugang dazu verloren, weil wir zu sehr auf unser Ich fokussiert sind. Dadurch, dass wir die Spielereien unseres Ichs viel zu ernst nehmen und aus unserer subjektiven Wahrnehmung heraus zur Realität machen, finden wir die Tür zum Selbst nicht. Der Schlüssel liegt in der Gelassenheit und Ruhe, z.B. mit Hilfe der regelmäßigen Meditation. Wenn der Geist ruhig ist und wir der wenigen noch aktiven geistigen Faktoren gewahr sind, haben wir die Chance, einen Funken des Selbsts zu erhaschen.
Das Ego steht in Beziehung mit allen drei Aspekten – es liefert uns das Gefühl der Existenz. Je nach in einem gegebenen Augenblick im Vordergrund stehenden Bedürfnissen, kann dabei das äußere Ich, das innere Ich oder auch das Selbst unser Existenzgefühl bestimmen. Die Art und Weise, auf welche wir unser Existenzgefühl sichern, folgt bestimmten Gewohnheitsmustern. Diese sind es auch, die uns immer wieder zur Wiedergeburt drängen.
Äußeres Ich, inneres Ich und das Selbst auf dem Weg der geistigen Schulung
In unserem Alltag stehen das äußere und innere Ich oft im Konflikt miteinander. Die Motivation für unsere Handlungen im Außen entspringt meist dem äußeren Ich und kann die eigentlich zugrunde liegenden Bedürfnisse des inneren Ichs nicht befriedigen. Chronische Unzufriedenheit und Rastlosigkeit sind die Folge dieses andauernden, inneren Konflikts.
Nachdem wir uns trainiert haben, die drei Aspekte zu identifizieren und die Wechselwirkungen zu verstehen, können wir beginnen, unsere im äußeren Ich verankerten Annahmen in eine heilsame Richtung zu verändern. Dies erreichen wir, indem wir den jeweiligen Gegenpol entlarven und dadurch die Dualität auflösen. So erkennen wir beispielsweise, dass Hass und Liebe lediglich zwei Seiten der gleichen Medaille sind. Es handelt sich um die gleiche Energie, jedoch mit unterschiedlichem „Vorzeichen”. Die Liebe unterliegt dem Prinzip der Anziehung, der Hass verkörpert den abstoßenden Pol. Wenn wir diese (vermeintlichen) Gegensatzpaare durchschaut haben, verlieren die Wechselwirkungen ihre Kraft und werden immer „weicher”: Das Spannungsfeld zwischen den beiden Polaritäten nimmt ab. Aus einem „ich bin stark” könnte so beispielsweise ein „es ist ok, wie ich bin”, werden. Denn je perfektionistischer und extremer unsere Selbstbilder sind, umso mehr stressen wir uns selbst. Stress wiederum verhindert, aufgrund der damit entstehenden Rastlosigkeit, den Zugang zu unserem Selbst.
Indem wir unsere Selbstbilder relativieren und immer mehr Facetten unseres Wesens zulassen, verändert sich auch die innere Haltung zu unserem Ich, also die Qualität unseres Geistes. Wenn wir uns selbst annehmen können, wie wir sind, werden die Konflikte zwischen nach außen gerichtetem und inneren Ich, die aus den unterschiedlichen Bedürfnissen der beiden Aspekte heraus entstehen, nachlassen. Aus Rastlosigkeit und Frustration wird dann Gelassenheit und innere Ruhe – wir kommen zunehmend mit uns selbst ins Reine.
Der buddhistische Leitfaden, um unsere geistigen Qualitäten positiv zu transformieren, ist der Achtfache Pfad. Indem wir Schritt für Schritt heilsames Denken und Handeln in unserem Alltag kultivieren, sowie über die Vergänglichkeit aller Erscheinungen kontemplieren, erlangen wir mehr und mehr Klarheit. Auch die im tibetischen Buddhismus verbreitete Praxis der meditativen Visualisierung von Buddha(s) und Bodhisattwas, wie z.B. der weißen Tara, helfen, dem Geist positive Impulse zu geben. Über die Kontemplation der typischen Erscheinungsformen, Symbole und positiven Eigenschaften der Bodhisattwas wie z.B. Mitgefühl und Liebender Güte, eröffnen wir unserem Geist den Zugang zu diesen Qualitäten. Da wir sehr oft unzufrieden mit unserem Ich sind, benötigen wir derartige, positive Aspekte, um das Ich aufzuwerten. Auf diese Weise können wir kurzfristige Zufriedenheit in uns herstellen.
Im Zen-Buddhismus arbeitet man direkt mit den geistigen Faktoren, die in einem gegebenen Moment im eigenen Bewusstsein vorhanden sind. Ziel ist die Identifizierung der einzelnen Komponenten, man beobachtet, wie sie entstehen und vergehen und kann die Erscheinungen dadurch loslassen, da man ihre fiktive Natur erkennt.
Je mehr sich die Qualität unseres Bewusstseins im Verlauf unserer inneren Arbeit verändert, und je mehr Klarheit wir über die einzelnen geistigen Komponenten haben, umso deutlicher wird, wie vergänglich und damit veränderbar unser geistiger Zustand ist. Auf diese Weise kommen wir in Kontakt mit der Substanzlosigkeit aller Erscheinungen, und damit mit der Leerheit, die dieser zugrunde liegt.
Wie wir unsere eigene Realität erzeugen …
Mit jeder Handlung, sei es auf geistiger, verbaler oder körperlicher Ebene, erzeugen wir Wechselwirkungen und damit karmische Verbindungen. Deshalb sollten wir verstärkt Achtsamkeit in jedem Moment unseres Lebens üben.
Wenn wir beispielsweise ständig mit dem Gefühl leben, verletzt worden zu sein und dies als real erachten, werden wir immer wieder Situationen im Leben begegnen, die es uns ermöglichen, genau dieses Gefühl wieder zu erzeugen. Wir tragen diese Energie von einem Leben zum nächsten und binden uns dadurch an das Rad der Wiedergeburten.
Ankommen …
Je größer die Anhaftung an das äußere Ich ist, umso schwerer wird das innere Ich, um die Dualität aufrechtzuerhalten. Wir bleiben im Spannungsfeld der beiden (dualistischen) Pole gefangen. Schaffen wir es, unser Ich mehr und mehr loszulassen, kommen wir zunehmend in die Ruhe und treten in (bewussten) Kontakt mit unserem Selbst. Das äußere und innere Ich als Brücke zum Selbst werden überflüssig. Die Dualität ist aufgehoben und – um es mit den Worten des Zen-Meisters Thich Nhat Hanh auszudrücken – wir sind angekommen.
Das Zusammenspiel von Psyche, Geist und Bewusstsein
Die Bedeutung der drei Begriffe Psyche, Geist und Bewusstsein ist oft nicht klar umrissen. Häufig machen wir es uns schwer, genau zu definieren, worin sie sich eigentlich unterscheiden und welches die jeweiligen Funktionen sind. Aus buddhistischer Sicht handelt es sich um drei verschiedene Aspekte, die im Rahmen unserer inneren Entwicklung eine wichtige Rolle spielen. Nur wenn wir in einem jedem Moment Klarheit darüber haben, auf welcher Ebene wir uns bewegen, können wir auf dem Weg der Befreiung wirklich voranschreiten.
1. Die Psyche
Über die psychische Ebene interagieren wir mit unseren Mitmenschen – sei es im direkten Kontakt oder in unserer Vorstellung. Dabei dient uns das Gegenüber als Projektionsfläche. Oft spiegeln uns unsere Mitmenschen unsere tiefsten Ängste und Befürchtungen oder aber auch unsere unerfüllten Sehnsüchte und Wünsche. Wenn wir uns z.B. darüber aufregen, dass uns jemand auf der Autobahn überholt, kann dies unsere eigene Sehnsucht widerspiegeln, uns über Regeln hinwegzusetzen und entsprechend auf das Gaspedal treten zu wollen.
Die psychische Ebene manifestiert sich in Gestalt von Symptomen wie z.B. Hass, Scham, Angst und Aggression. Die meisten westlichen Psychotherapieverfahren, wie z.B. die Verhaltenstherapie, setzen auf dieser Symptomebene an und versuchen sie zu verändern.
Die Psyche setzt sich aus all unseren in der Kindheit erlernten Abwehr- und Schutzmechanismen zusammen. Ihre Zusammensetzung entsteht also in Abhängigkeit von den zwischenmenschlichen Erfahrungen, die wir in unserem Leben gemacht haben. Hatten wir eine glückliche Kindheit, die durch eine vertrauensvolle Beziehung zu unseren Eltern gekennzeichnet war, werden wir mit Zuversicht und Vertrauen in die Partnerschaften des späteren Lebens starten. Sind unsere Kindheitserfahrungen aber mehrheitlich durch Schmerz und Traumata geprägt, werden wir uns einen entsprechenden Schutzwall von Mechanismen zugelegen, die uns im Alltag begleiten und beschützen sollen. Darüber hinaus spielt die Psyche alle möglichen Spiele, damit wir uns an unser soziales Umfeld anpassen können und Akzeptanz und Bestätigung finden. Wir brauchen die Interaktionen mit unserer Umwelt, um unsere gelernten Verhaltensweisen und Glaubenssätze zu nähren und aufrechterhalten zu können. Im Prozess der Heilung und Bewusstwerdung können uns diese Interaktionen aber auch die Möglichkeit der Veränderung geben. Durch das Ausbrechen aus unseren starren Verhaltensmustern können wir neue Erfahrungen im Umgang mit unseren Mitmenschen machen und so – Schritt für Schritt – die Zusammensetzung unserer Psyche positiv verändern.
In der Buddhistischen Psychologie der Bewusstseinsschule (Consciousness only) entspricht die Psyche dem so genannten siebten Bewusstsein (Pali: manas), dem Egosinn. Seine Funktion besteht hauptsächlich in der Anhaftung an das Ego. Mithilfe von Ängsten, Wunschbildern und Vorstellungen über uns selbst erzeugen wir eine Pseudorealität. Dies führt dazu, dass wir an der Idee einer unveränderlichen, dauerhaften Ichidentität festhalten und uns darüber definieren. Wenn wir uns zu sehr mit dem 7.Bewusstsein identifizieren und es ist nicht als das erkennen, was es ist, schneiden wir uns und unsere Wahrnehmung von der Wirklichkeit im Hier und Jetzt ab. Über die aus dem Egosinn motivierten Interaktionen mit unserer Umwelt erzeugen wir ein Netz von (Selbst)täuschungen und Verwirrung und verlieren den Kontakt zur Realität. Mit Hilfe der Schulung der fünf Sinne können wir aus diesem Teufelskreis der Verblendung ausbrechen. Nur über die direkte Wahrnehmung – das heißt ohne jegliche, subjektive Verzerrung – können wir den Kontakt mit der Realität wiederherstellen und bewahren.
2. Der Geist
Durch die Betrachtung der geistigen Ebene können wir die Funktionsweise unserer Psyche verstehen. Denn die jeweilige Kombination von geistigen Bausteinen erzeugt unseren psychischen Zustand. Durch die geistige Arbeit durchschauen wir das Entstehen der jeweiligen Symptome auf psychischer Ebene und können so unsere Anhaftung daran reduzieren. Angst und Scham sind deshalb nicht aus unserem Leben gewichen, aber sie haben nicht mehr eine so große Macht über uns. Wir können ihnen mit Verständnis und Mitgefühl begegnen und lassen uns nicht mehr davon mitreißen. So entsteht beispielsweise Wut nicht einfach aus sich selbst heraus. Es gibt Bausteine im Hintergrund, die das Symptom Wut erzeugen – ähnlich wie bei der Entstehung einer Erkältung. Damit sich die typischen Symptome einer Erkältung zeigen, müssen nach TCM-Verständnis verschiedene Bedingungen zusammentreffen: Das Immunsystem ist nicht in Balance, der Lymphfluss blockiert und Nieren sowie die Lunge sind kalt geworden.
Im Westen kennen wir diese Herangehensweise im Rahmen der tiefenpsychologisch fundierten Therapieverfahren. Man sucht nach den Ursachen für die Entstehung einer Symptomatik. In der buddhistischen Psychologie sprechen wir von geistiger Arbeit. Man betrachtet den eigenen Geist, um dessen Zusammensetzung und das Zusammenspiel der einzelnen Faktoren zu erkennen.
Unser Geist besteht aus 52 Bausteinen, den so genannten geistigen oder mentalen Faktoren. 49 davon entstehen auf der Grundlage unserer Gewohnheiten.
Je nachdem, welche Erfahrungen wir im Verlauf unseres Lebens gemacht haben und was wir in dieses Leben aus vorangegangenen Existenzen mitgebracht haben, entwickeln wir „Vorlieben” für bestimmte Steine, die wir während der Wanderung durch unser Leben immer wieder vom Wegesrand aufsammeln. Obwohl es Bausteine unterschiedlichster Form und Farbe gibt, neigen wir aufgrund unserer Gewohnheitsstrukturen dazu, immer wieder die gleichen oder ähnliche Steine aufzunehmen. Dies kann unser Leben in vielerlei Hinsicht erleichtern, aber schränkt andererseits unsere Entwicklungsmöglichkeiten ein. Aufgrund mangelnder Offenheit sind wir nicht imstande, über unseren Tellerrand zu schauen.
Wenn jemand in seinem Leben zum Beispiel sehr verträumt ist, keine Ziele hat und immer passiv darauf wartet, dass eines Tages „sein” Glück von außen auf ihn zu kommt, dann beschreibt dieses seinen psychischen Zustand. Im Rahmen der geistigen Arbeit betrachten wir nun die mentalen Faktoren, die hinter den Symptomen liegen: Da finden wir die Bausteine 1. Trägheit, 2. den Zweifel (an sich selbst, er kann deshalb kein Ziel für sich erzeugen) und 3. den Ich-Wahn (Verblendung – er misst seinem Ichempfinden eine übersteigerte Bedeutung bei und hat den Kontakt zur Realität im Hier und Jetzt verloren). Nach außen erzeugt er als Symptom auf der psychischen Ebene „Orientierungslosigkeit”. Wenn wir diesen Menschen fragen würden, „Was ist mit Dir los?”, dann würde er wahrscheinlich nicht die einzelnen Bausteine benennen können. Meistens ist es so, dass wir dann in die Abwehr- und Schutzmechanismen gehen und auf der psychischen Ebene weiter kommunizieren. Botschaften wie, „Du hast mir ja nie ein brauchbares Ziel vorgegeben!”, wären dann die typische Reaktion. Wir schieben die Schuld auf den anderen, oder in Abhängigkeit der eigenen Persönlichkeitsstruktur, nehmen wir die Schuld auf uns selbst „Ja, Du hast recht, wie soll es bloß mit mir weiter gehen?”.
Wenn wir hier, also auf der psychischen Ebene verharren und nicht den Mut finden, hinter die Kulissen zu schauen, lassen wir uns von unseren Ängsten einsperren. Wir werden uns nicht weiterentwickeln und befreien können. Der Zugang zu unserem eigentlich vorhandenen Potential bleibt uns verschlossen.
In der buddhistischen Psychologie können wir den Geist mit dem 6. Bewusstsein, mano, dem Denksinn, beschreiben. Dem Denksinn kommt bereits im traditionellen Abhidhamma eine wichtige Wächterfunktion zu: Alle Wahrnehmungsprozesse, d.h. alle Impulse, die von der Außen- und Innenwelt eintreffen, müssen zunächst das Geisttor passieren, bevor sie weiter verarbeitet werden können. Nur ein wachsamer und achtsamer Geist kann die Weiterleitung unheilsamer oder destruktiver Impulse unterbinden oder ihnen entsprechend begegnen.
Durch die geistige Schulung lernen wir das Entstehen von starren Formen zu vermeiden. Denn: Ein Baustein kommt selten allein. So lange die Faktoren sich noch formieren, können wir unseren geistigen Zustand und damit auch die Auswirkungen auf die Psyche noch konstruktiv verändern. Wenn wir jedoch nicht achtsam genug sind, gesellt sich zu dem vorhandenen Zweifel noch Feindseligkeit hinzu und bewirkt auf der psychischen Ebene bereits das Anspringen eines Abwehrmechanismus „oh, mit diesem Menschen muss ich vorsichtig sein!” Dieser wiederum hat eine Wirkung auf die Formierung der folgenden geistigen Faktoren.
So stehen unsere Psyche und unser Geist in ständiger Wechselwirkung. Dies eröffnet vielversprechende, auch therapeutische, Möglichkeiten: Durch die bewusste Einführung von positiven geistigen Faktoren, wie Liebende Güte, Mitgefühl, Toleranz usw. verändern wir die topographische Landkarte unseres Geistes: Anstelle von schroffen Gebirgslandschaften finden wir dort nach einigem Training sanfte Hügellandschaften. Dies wiederum führt dazu, dass wir die Höhe unseres Schutzwalls zunehmend reduzieren können. Wir können unseren Mitmenschen freier und mit mehr Offenheit begegnen.
3. Das Bewusstsein
Das Bewusstsein an sich ist neutral, es bewertet nicht. Es dient lediglich als Trägersubstanz für die geistigen Faktoren. Ähnlich wie ein Fluss, fließt unser Bewusstseinsstrom, so lange wir leben. Wenn wir eine Stunde am Ufer eines Flusses stehen und das Fließen des Wassers beobachten, werden wir die ganze Zeit über Wasser sehen. Dennoch sind die einzelnen Wassermoleküle, also die Bestandteile des Wassers, die an uns vorbei fließen, immer andere. Manchmal ist auch Gestrüpp und Abfall im Wasser. Genau so verhält es sich mit unserem Bewusstsein auch. Die Qualität der geistigen Faktoren bestimmt über die Zusammensetzung und die Klarheit des Bewusstseins. Auch die Fließgeschwindigkeit des Wassers ist wichtig: Je turbulenter die Wasserbewegung, desto mehr Schlamm wird aufgewirbelt. Es wird unmöglich, den Grund zu sehen.
Je weniger Turbulenzen die Bausteine unseres Geistes im Bewusstsein verursachen, umso klarer können wir den Grund erkennen. Wir betrachten nun mit Hilfe des Bewusstseins die Wechselwirkungen zwischen Psyche und Geist. Wir schauen uns an, wie ein geistiger Baustein hochkommt und das Symptom auf psychischer Ebene erzeugt. Wenn wir den Prozess weiterlaufen lassen, kommen, wie wir oben gesehen haben, weitere Bausteine hinzu und formieren eine immer komplexere Symptomatik auf der psychischen Ebene. Das ganze Gebilde wird zusehends starr und ist dann immer schwerer einer Veränderung zugänglich. Wenn wir beginnen, das Symptom als Werkzeug zu benutzen, z.B. die Wut, um uns zu wehren, haben wir begonnen, es für die Sicherung unserer Existenz einzusetzen. Solche Muster kann man nur schwer auflösen, da das Infragestellen des Symptoms sofort Gefühle der Bedrohung und Existenzangst hervorruft.
Wir können nur auf der Bewusstseinsebene arbeiten, wenn der Geist klar ist. Wenn wir völlig in unseren Emotionen verstrickt sind, können wir die zugrunde liegenden geistigen Faktoren nicht von der Symptomatik auf der psychischen Ebene trennen. Sobald wir eine Wirkung, also ein Symptom, auf der psychischen Ebene haben, ist es bereits zu spät. Dann können wir für diesen Moment nichts mehr verändern. Deshalb ist es so wichtig, Klarheit und Achtsamkeit zu schulen, damit man rechtzeitig das sich zusammenbrauen der geistigen Faktoren erkennen kann. Nur so können wir die Wechselwirkungen der drei Aspekte untereinander in eine heilsame Richtung lenken.
Das hier vorgestellte Bewusstsein entspricht dem 8. Bewusstsein in der buddhistischen Psychologie, dem alaya, oder Lagerhaus-Bewusstsein. Hier sind alle „Samen” unserer Gewohnheitsstrukturen und Erfahrungen aus diesem und vorangegangenen Leben abgelegt. Wir nennen das 8. Bewusstsein daher auch den Existenzsinn, da wir durch diese Gewohnheitsstrukturen unsere Existenz in Samsara definieren. Die Samen selbst können wir nicht auflösen. Was wir aber im Rahmen unserer geistigen Arbeit versuchen aufzulösen, ist unsere Anhaftung an die Samen. Denn diese „Anhaftungsenergie” ist es auch, die uns von einer Wiedergeburt in die nächste drängt.
Wenn nun ein Impuls ungefiltert über den Geist auf die Samen im 8. Bewusstsein trifft, geht er in Resonanz mit bestimmten dort abgespeicherten Gewohnheitsstrukturen, z.B. „die Farbe Rot ist gefährlich!” Die dadurch aktivierte, bis dahin „eingefrorene” Erfahrung wird nun zum 7. Bewusstsein, also zu der Psyche, weitergeleitet. Das wird dann aufgrund der Aktivierung von Abwehrmechanismen dazu führen, dass wir der Frau mit dem roten Kleid mit Vorbehalt und Vorsicht begegnen, obwohl wir sie noch nie zuvor in unserem Leben gesehen haben. Diese Interaktion wiederum wird bestimmte Erfahrungen zur Folge haben, z.B. dass diese Person auf uns mit Ablehnung reagiert. Dies nehmen wir über die fünf Sinne und unseren Geist auf und es nährt wiederum den bereits vorhandenen Samen in unserem 8. Bewusstsein. Wir werden in der Zukunft noch sensibler auf die Farbe Rot reagieren.
Es ist so wichtig für unsere spirituelle Entwicklung, dass wir das Zusammenspiel von Psyche, Geist und Bewusstsein in der Tiefe verstehen: Alle drei Aspekte erzeugen ständig Wechselwirkungen. Wir müssen uns trainieren, dass wir ein Bewusstsein für das Sein, wie es in einem gegebenen Moment ist, entwickeln und die jeweiligen Wechselwirkungen rechtzeitig erkennen. Wenn der Geist ruhig ist und die einzelnen Bausteine nicht so schnell hin- und herspringen, haben wir die Möglichkeit, klarer zu sehen. Wir sind uns des Dramas bewusst, welches auf der Bühne unserer Psyche gerade aufgeführt werden will, aber wir müssen nicht in das Geschehen hineinspringen. Wir nehmen es zur Kenntnis und bleiben mit unserem Bewusstsein im Hier und Jetzt.
Darüber hinaus können wir uns trainieren, neue, heilsame Bausteine in unserem Geist zu fördern, z.B. Glück und Freude. Dies ist zugegebenermaßen gerade zu Beginn der Praxis nicht einfach. Irgendwas passiert im Außen und man ist wieder versucht, den alten, vertrauten „Schuldgefühl-Baustein” darauf zu packen. Geben wir uns die Chance, unsere Psyche, unseren Geist und unser Bewusstsein aktiv in eine heilsame Richtung zu verändern.

