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20. European Buddhist Summer-Camp in Amiens

2732672344_664191a0fd_qDie Sangha der Pagode Phat Hue nahm in der vergangenen Woche am 20. buddhistischen Sommer-Camp der vietnamesischen Buddhisten Europas in Amiens (Frankreich) teil. Während des 7 Tage langen Aufenthaltes standen umfangreiche Belehrungen, Zeremonien und ein Rezitationstag der Reine-Land-Schule auf dem Plan. Außerdem ergab sich genügend Freizeit, in der ein offener, warmer und freundschaftlicher Austausch zwischen westlichen und asiatischen Ordinierten, Meditation im Freien sowie die Erkundung der regionalen Sehenswürdigkeiten stattfinden konnten.

Das buddhistische Sommer-Camp wird seit 1988 Jahr für Jahr von den vietnamesischen Pagoden Europas –von Ordinierten sowohl als auch von Laienbuddhisten – organisiert.

Die Stadt Amiens wird Freunden mittelalterlicher Architektur und Geschichte bereits bekannt sein. Man findet hier die größte Kathedrale Frankreichs, welche seit mehr als 800 Jahren die mumifizierte Kopfreliquie Johannes des Täufers verwahrt und zur Besichtigung ausstellt. Die um die 600 Teilnehmer des Summer-Camps waren in einem großen Gebäude- und Grünanlagenkomplex (La Providence Amiens) untergebracht, auf dessen Gelände sich Bildungseinrichtungen unterschiedlichster Art befinden. Die große Anlage bot genügend Platz, um alle hohen Meister, Mönche und Nonnen und Laienbuddhisten ohne Probleme unterzubringen. Die Unterrichtsräume vor Ort waren für Belehrungen und Dharma-Talks wie geschaffen. Die große Sporthalle konnte nach äußerst gelungener und aufwendiger Dekoration kaum noch als solche wieder erkannt werden und diente fortan als Buddhahalle – hier fanden die Morgenmeditation, Zeremonien und Nachmittagsrezitationen statt. Frühstück, Mittag- und Abendessen nahmen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in der großräumigen Mensa des Internates ein.

Dharma und großes „Familientreffen“

Das buddhistische Sommer-Camp verfolgt seit 1988 mehrere Ziele: Einerseits erhalten alle Ordinierten und Laienbuddhisten umfangreiche Dharmabelehrungen: drei Mal zwei Stunden pro Tag. Die große Anzahl der Teilnehmer wurde dieses Jahr in Kinder- und Jugendlichen, Anfänger-, Fortgeschrittene- und Ordiniertenklassen aufgeteilt. Die hohen Mönche und Meister gaben Belehrungen in unterschiedlichen Klassen, sodass die Teilnehmer von unterschiedlichen Lehrern und Themen profitieren konnten. Die Dharma-Talks in der Ordiniertenklasse deckten ein sehr weites Feld ab: Geschichte des vietnamesischen Buddhismus, Fragen zu den Vinaya-Regeln, komplizierte Abhandlungen zum Thema Bewusstseinsschule, Übertragung der Bodhisattva-Gelübde für Laienbuddhisten, Schaffung von Harmonie in der Sangha und Überblick über die frühesten buddhistischen Schulen in Indien… Da vor Ort keine offizielle Übersetzung der vietnamesischen Belehrungen vorgesehen war, halfen die teilnehmenden Mönche und Nonnen, die Inhalte in Deutsch oder Englisch zu übersetzen. Dies war nicht immer einfach: bei komplizierteren Themen wie der Bewusstseinsschule mussten die Übersetzer häufig verallgemeinern oder es war Ihnen nicht möglich die entsprechenden Wörter in Deutsch oder Englisch zu finden. In Bezug auf die Unterrichtsinhalte fiel auf, dass die „Unterrichtseinheiten“ weitestgehend unstrukturiert waren – die Themen schienen eher spontan ausgewählt und nicht aufeinander abgestimmt. Auch war die Ordiniertenklasse nicht nach Erfahrungsgrad bzw. Wissensstand aufgeteilt: So erhielten jüngere Novizen, Bhikkhus und sogar einige dem Unterricht beiwohnende Meister dieselben Belehrungen – egal ob es sich dabei um einfaches, buddhistisches Grundwissen oder um komplizierte Philosophie handelte. Aber: auch wenn man den Belehrungen inhaltlich weniger folgen konnte, war die alleinige Präsenz der hohen Meister bereits eine Belehrung für sich.

Nicht zu unterschätzen ist die Rolle des buddhistischen Sommercamps als eine Art riesiges „Familientreffen“: Das erste buddhistische Sommer-Camp richtete sich seinerzeit vollständig an alle Vietnamesen, die nach ihrer Flucht in Europa Fuß fassen konnten. Das Sommer-Camp bietet seit dem allen europäischen Vietnamesen in Europa die Möglichkeit, Kontakt zu ihren Verwandten und Freunden zu halten, gemeinsam die buddhistische Praxis der Reine-Land-Schule auszuüben sowie Beistand und spirituelle Unterstützung durch die Anwesenden Ordinierten zu erhalten. Dadurch wird ein wesentlicher Beitrag zum Erhalt der Tradition der vietnamesischen Flüchtlingsgenerationen geleistet. Während die Eltern alte Kontakte pflegen, können die jüngeren Generationen die Zeit der Sommer-Camps auch als Jugendfreizeit und Kontakt“börse“ ansehen. Sie können so andere Gleichaltrige kennen lernen und neue Kontakte knüpfen.

Ein Blick in die Zukunft

Dharmaverbreitung oder die Verwurzelung des Dharmas im Westen war jedoch nie wirkliches Ziel oder Zweck der Veranstaltungen. Es war vielmehr immer eine Art inner-vietnamesisches Treffen. Es ist jedoch erstrebenswert, in Zukunft ein weiteres auf diesen bereits vorhandenen Strukturen aufbauendes Sommer-Camp zu organisieren, welches den Fokus tatsächlich ausschließlich auf buddhistische Praxis, Belehrungen und Dharma-Verbreitung legt. Ein solches Camp darf dann natürlich nicht auf eine Tradition beschränkt sein – die momentanen Treffen der vietnamesischen Buddhisten beschränken die buddhistische Praxis auf die Reine-Land-Schule. Dies würde westliche Praktizierende sowie Praktizierende anderer buddhistischer Traditionen wie Theravada in großem Maße von einer solchen Veranstaltung fernhalten. Traditionsoffenheit, Alltagsbezogenheit, altersangemessene „Lerngruppen“, Kombination von Theorie und Praxis und strukturierte „Lehrpläne“ sowie die Bereitstellung entsprechender Übersetzungsangebote wären nur einige der auszuarbeitenden Aspekte für ein derartiges Projekt. Wir verfolgen diesen Punkt interessiert weiter und sammeln bereits eifrig Ideen.

6. August 2008 Allgemeines Keine Kommentare

Gedicht der Woche: Das Paradoxon unseres Zeitalters von S.H. dem XIV. Dalai Lama

“Wir haben größere Häuser, aber kleinere Familien;

wir haben mehr Bildung, aber weniger Verstand;

mehr Wissen, aber weniger Urteilskraft;

mehr Experten, aber (auch) mehr Probleme;

mehr Medikamente, aber weniger Gesundheit;

wir sind bis zum Mond und zurück gereist,

aber es ist ein Problem für uns, die Straße zu überqueren und unseren neuen Nachbarn zu begrüßen;

Wir bauen immer mehr Computer, um immer mehr Informationen zu speichern,

um mehr vervielfältigen zu können als jemals zuvor,

aber unsere Kommunikation wird immer weniger;

Wir haben ein Übermaß an Quantität,

aber einen Mangel an Qualität;

Es sind dies die Zeiten des “Fast-foods” (des schnellen Essens),

aber der langsamen Verdauung;

Großer Mann, kleiner Charakter;

steile Profite, flache Beziehungen;

Es ist die Zeit, in der viel im Schaufenster ausliegt,

wir aber wenig wirklich in den Händen halten.”

S.H. XIV. Dalai Lama; (Übersetzung aus dem Englischen)

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3. August 2008 Allgemeines Keine Kommentare

Samanera- und Bhikkhu-Praxis

Was ist ein Samanera, was ist ein Bhikkhu und was macht unsere Praxis schmackhaft? Ein Dharma-Vortrag des Ehwr. Thay Hanh Tan vor den Ordinierten der Pagode Phat Hue

Thay Hanh TanDer Ehrw. Thay Hanh Tan, Abt der Pagode Vien Giac in Hannover, hielt während eines kurzen Aufenthaltes in der Pagode Phat Hue einen ausführlichen Dharma-Vortrag vor den anwesenden Mönchen und Nonnen. Im Hinblick auf die im Mai anstehenden Samanera- und Bhikkhu-Ordinationen in Hannover, stellte er äußerst klar und praxisorientiert dar, welche Qualitäten einen Samanera und einen Bhikkhu auszeichnen, was man bei der täglichen Silapraxis zu beachten hat, und was aus seiner Sicht die Praxis eines Mönches erst so richtig „schmackhaft“ macht. Die Ordinierten der Pagode Phat Hue fühlten sich sehr geehrt, diesem besonderen Unterricht durch den Ehrw. Thay Hanh Tan lauschen zu dürfen. Wir möchten das klare Verständnis des Ehrw. Thay Hanh Tan jedoch nicht anderen Praktizierenden und Interessenten vorenthalten – besonders, wenn man sich dafür interessiert, was die Praxis eines Ordinierten ausmacht. Der folgende Text kann helfen, falsche Vorstellungen des Sanghalebens klar zu stellen und einen Einblick in die äußere und innere Praxis eines Ordinierten geben.

1. Was bedeutet es, ein Samanera zu sein?
2. Was bedeutet es, ein Bhikkhu oder eine Bhikkhuni zu sein?
3. Silas und Bhikkhugelübde – ein Spiel mit dem Feuer?
4. Wie lange bleibt man Mönch und was macht seine Praxis schmackhaft?

Was bedeutet es, ein Samanera zu sein?

Bald werden 8 Ordinierte der Pagode Phat Hue sich einer weiteren Ordination unterziehen: 4-mal findet eine Bhikkhu- und Bhikkhuni-Ordination und 4-mal eine Samanera- und Samanerica-Ordination statt. Ich sehe oft, dass so manch Ordinierter im Anschluss an die Bhikkhu-Ordination in zwei Praxisextreme verfällt. Manche sagen „Ooh, so viele Gebote halten? Zehn Geboten sind ja noch ok, aber 250? Was soll ich das nur schaffen? Es sind viel zu viele.“ Das andere Extrem ist es, die Gelübde auf die leichte Schulter zu nehmen und sie ohne darüber nachzudenken strikt zu befolgen – Hauptsache der Geist ist kontrolliert, mehr braucht man ja nicht. Leider muss ich sagen, dass beides nicht die richtigen Einstellungen sind, um eine Ordination zu bekommen. Jeder Mönchsanwärter sollte eine heilsame Einstellung der Ordination gegenüber entwickeln. Erst dann kann er die Ordination wirklich als hilfreichen Impuls für seine weitere Praxis empfangen. Viele Menschen, die uns Mönche in unseren Klöstern besuchen, wollen sofort auch Mönche und Nonnen werden, ohne zu wissen, was das überhaupt bedeutet. Oftmals haben diese Menschen Annahmen, die mit der Realität nicht übereinstimmen. Doch auch wenn man mit einer falschen Vorstellung in Berührung mit klösterlichem Leben gelangt, macht das nichts. Denn es hat seine karmischen Gründe, dass und wie wir in diesem leben auf Dharma treffen konnten. Wir haben in unseren vergangenen Leben Verdienste oder heilsame Taten in einer Art angesammelt, dass wir nun auf den Weg gebracht wurden – egal ob mit heilsamem oder unheilsamem Verständnis des Klosterlebens. Die Tatsache allein ist als etwas sehr wertvolles zu betrachten.

Hat man den formalen Wunsch geäußert, Mönch oder Nonne zu werden, ist man zunächst ein Samanera oder ein Mönchsanwärter. Den Begriff Novize verwende ich nicht sehr gerne, denn ein frisch Ordinierter Samanera muss nicht – wie es der Begriff Novize
impliziert – ein Anfänger im Fachgebiet Buddhismus sein. Gerade in Deutschland werden viele Personen ordiniert, die eine große Menge an Wissen und Erfahrung in buddhistischer Praxis mitbringen. Novizen sind das schon lange nicht mehr. Übersetzen wir Samanera oder Samanerica genauer, würden wir sie die Zehn-Gebote-Halter nennen – bezogen auf die 10 Gelübde, die ein Samanera während seiner Ordination übertragen bekommt.

Die wörtliche Bedeutung im Vietnamesischen

Auf Vietnamesisch heißt Samanera Sadi. Sadi ist ein sinovietnamesischer Begriff, steht also in Verbindung mit dem Chinesischen. Er trägt daher mehrere Bedeutungen in sich.
Die beiden Elemente, die in der chinesischen Bedeutung des Begriffes Sadi zu finden sind lauten auf vietnamesisch:

Tu ac (Unheilsames halten/stoppen)
Hanh tu (Heilsames praktizieren)
Tuc the nhiem nhi tu (den Geist zur Entsagung aller weltlichen Verhängnisse schulen)

Dies sind die Kernaspekte eines jeden Sadi.

Aber was ist unheilsam und was ist heilsam?

Den Text, den man für die Ordinationszeremonie lernen muss, bezieht sich auf die Definition eines Sadi. Ein Sadi behält heilsame Dinge bei und stoppt die unheilsamen. Im Unheilsamen eingeschlossen ist nhiem, was alles Weltliche betrifft. Wenn wir uns von weltlichen Aspekten verabschieden, zieht es heilsame Wirkungen nach sich. Heilsames hingegen wird im Buddhismus nicht nur mit karitativer und sozialer Arbeit gleichgesetzt – Dinge, die anderen Menschen direkt helfen können. Diese Art der Heilsamkeit ist im Vergleich mit dem Anstreben des voll erleuchteten Geistes oder der Entsagung weniger bedeutungsvoll einzustufen. Als Samanera sollte man bereits die Motivation entwickeln, den voll erleuchteten Geist erlangen zu wollen.

Während der Ordinationszeremonie soll ein Mönchsanwärter seinen Geist stets auf die drei Aspekte des Samaneras ausrichten. Denn dann kann die Kraft der hohen Mönche, die die Ordination durchführen, als unterstützender Impuls auf den Ordinierten übertragen werden. Warum ist die innere Einstellung eines Samaneras derart bedeutungsvoll? Um das zu verstehen, erläutere ich einmal den Zusammenhang der inneren und äußeren Aspekte einer Person: Unser Äußeres besteht wie wir alle wissen aus einer Form und einem dazugehörigen Namen. Jeder Form geben wir Menschen Namen. Jede Person hat neben der Form und dem Namen auch noch das Innere.

Der Name

Wenn wir einmal einen Namen der falschen Person zuordnen – Form und Name nicht zusammenpassen – dann zieht das nicht in jedem Fall unheilsame Folgen nach sich – die Auswirkungen sind eher geringfügig. Spreche ich eine Person mit einem falschen Namen an, wird sich am Aussehen oder der Erscheinung nach nichts ändern. Namen benötigen wir vielmehr, um in verständlicher und unkomplizierter Art und Weise kommunizieren zu können. Im Bezug auf den Ordinierten ist die Form bereits eine Stufe bedeutsamer als der Name.

Die Form

Die Form eines Ordinierten besteht aus einem geschorenen Kopf, einer braunen, gelben oder orangefarbenen Robe – je nach Tradition und Schule – und vielen weiteren Aspekten. Auch das angemessene Verhalten im Gehen Sitzen Stehen und Liegen – die 4 Verhaltensformen die einen Ordinierten ausmachen – zählen zur äußeren Form. Aber was viel wichtiger ist als jegliche Form, ist unser Inneres.

Das Innere

Ein Lebewesen funktioniert nicht äußeren sondern innerlichen Umständen entsprechend. Sind die Organe eines Lebewesens nicht in Ordnung, wird es krank. Dieses Bild ist auch auf einen Ordinierten zu übertragen: Ein Samanera hat natürlich bestimmte äußere Formen wie Kleidung und Verhalten, aber es sind nur Äußerlichkeiten. An ihnen können wir einen Samanera erkennen. Bemüht er sich aber nicht darin, Heilsames zu kultivieren und Unheilsames zu stoppen – Tuc ac Hanh tu – so ist er innerlich erkrankt, er ist kein kompletter Samanera. Auch wenn die 10 Gebote streng eingehalten werden und die Robe perfekt und sauber am Körper liegt – der Charakter eines Samanera ist das wirklich Besondere an ihm. Um diese inneren Werte zu erkennen, benötigt es leider mehr als ein paar guter Augen. Da wir noch keine Erleuchteten Wesen sind, die mit bloßem Auge erkennen könnten, wo die Praxis noch nicht vollkommen ist, müssen wir immer ehrlich zu uns selbst sein. Wir müssen uns ständig überprüfen und reflektieren, was wir am Tag getan haben. Auch Laien können dies tun: Überprüft jeden Abend vor dem Schlafengehen, ob euer Handeln den Tag über heilsam war. Ordinierte gehen einen Schritt weiter und fragen sich „Habe ich jetzt tatsächlich alle Unheilsamkeiten beendet oder einen Schlussstrich gezogen? Habe ich alle weltlichen Einstellungen und Gedanken abgeschlossen? Oder nicht?“ Wenn nicht, muss ich das bekennen – mir selbst und dem Buddha gegenüber. „Ich bekenne mich dazu und werde es versuchen zu bessern.“ Das sollten wir jeden Abend versuchen. Nur so wird unsere Natur der Silas – der Achtsamkeitsübungen – rein und stabil bleiben.

Gelingt es uns, die Silas rein zu halten, ihre Natur zu stabilisieren, dann ist es auch nicht so weiter schlimm, wenn wir die 10 Gebote noch nicht vollkommen praktizieren können – besser ist die innere Einstellung heilsam und das Äußere nicht ganz perfekt, als dass unsere äußere Form perfekt erscheint, unser Geist innerlich aber von negativen Qualitäten zerfressen ist. Ohne Tuc ac sind unsere „Organe“ schon längst mit Viren befallen und werden zerfressen – da kann unser Körper oder unsere Haltung noch so schön und beeindruckend sein.

Deshalb ist das sehr, sehr wichtig, auch die letzte Charaktereigenschaft eines Samanera kennen zu lernen: Ein Samanera soll fleißig sein. Wie soll er in welchen Aufgaben fleißig sein? Er soll den Ruhezustand des Geistes anstreben – das ist die Aufgabe eines Samanera.

Strebt man also diese vier Qualitäten an, ist man ein guter Samanera:

- Ich wünsche, meinen Geist zur Entsagung aller weltlichen Verhängnisse zu schulen

- Ich wünsche, alles Unheilsame zu stoppen

- Ich wünsche, alles Heilsame zu kultivieren

- Ich wünsche, den Ruhezustand des Geistes anzustreben

Was sind die Aufgaben eines Ordinierten, der die Gelübde empfängt?

Während der Ordination werden die Anwesenden hohen Mönche ein sogenanntes Sangakama praktizieren. Auf Vietnamesisch wird in etwa folgendes verlautet:

Heute tritt der gute Mann namens … an die Sangha heran, um die Samanera- oder Bhikkhugelübde aufzunehmen. Er fragt die anwesenden Silaüberträger, ob sie damit einverstanden sind.

Sie werden damit einverstanden sein und nicht dagegen sprechen. Drei Mal wird der Text rezitiert. Ganz wichtig dabei ist, dass in diesem Moment der Geist des Ordinierten die vier Wünsche in ihrer reinen Form entwickelt und aufrechterhält. Sobald man den eigenen Namen das erste Mal hört, soll man sich die 4 Wünsche ins Gedächtnis rufen: Ich wünsche, meinen Geist zur Entsagung aller weltlichen Verhängnisse zu schulen. Ich wünsche, alles Unheilsame zu stoppen. Ich wünsche, alles Heilsame zu kultivieren. Ich wünsche, den Ruhezustand des Geistes anzustreben. Fällt der Name das erste Mal, findet nämlich eine Art Übertragung statt: Der Sila-Übertragende, einer der hohen anwesenden Mönche, übergibt uns eine heilsame Kraft, unseren Charakter zu nähren und zu entwickeln. Wir wollen die Kraft von ihm bekommen, um die Gelübde, die wir aufnehmen, bis zur Vollkommenheit praktizieren zu können. Ein Sila-Überträger ist ein Ordinierter, der fähig ist, diese heilsame Kraft in anderen erwecken zu können. Ist das erste Sanghakarma beendet, fühlt es sich vielleicht noch nicht so natürlich an, sich dies vorzustellen und den Geist auf die Silas, die Gelübde oder die Wünsche zu konzentrieren. Doch es wird euch gelingen, während der Ordination ganz natürlich zu denken:

Ich sage mich von allen weltlichen Verhängnissen los
Ich habe alle Unheilsamkeiten gestoppt
Ich bin fleißig und praktiziere alles Heilsame
Ich strebe die Ruhe des Geistes an

Schaffen wir es, diesen Geist während der Ordination aufrecht zu erhalten, nährt die uns dort übertragende Kraft unsere Praxis immens und gibt uns viel Energie, weiterzupraktizieren. Denn seien wir ehrlich: Das Leben als Mönch ist nicht immer einfach. Wir Vietnamesen sagen, ein Mönchsleben ist anstrengender, als das Leben von 1000 Schwiegertöchtern. Ihr müsst dazu wissen, dass in Vietnam Schwiegertöchter leider oftmals unter schlechten Bedingungen leben müssen: sie leiden sehr unter ihren Schwiegereltern, die niemals zufrieden sind, sie werden schlechter behandeln, schikaniert usw. Ja und wir Mönche haben eben nicht nur ein Paar Schwiegereltern, sondern gleich 1000 – so anstrengend kann der Weg für uns sein. Haben wir aber die Energie, uns diesen Problemen zu stellen, können wir alle Schwierigkeiten sprengen und transformieren. Die Ordination ist hierbei ein wichtiger Impuls. Anschließend sollte man dann lernen, die 10 Gebote einzuhalten und dies mit Geschicklichkeit anzugehen.

Fortan habt ihr 4 oder 5 Jahre Zeit um diese Qualitäten in euch zu entwickeln, bevor ihr die volle Ordination als Bhikkhu oder Bhikkhuni erhaltet und die 250 Gebote aufnehmt. Die Nonnen müssen sich sogar an noch mehr halten, an 348 – meine Güte ist das viel. Eigentlich sollte man davor keine Angst haben – aber es ist schon eine wirklich große Menge.

2. Was bedeutet es, ein Bhikkhu oder eine Bhikkhuni zu sein?

Der Status eines Bhikkhus beinhaltet drei Bedeutungen:

1. khat si – er ist ein würdiger Almosenempfänger
2. bo ma – er hat die innerliche Befleckungen vernichten (Maras)
3. pha ac – er hat alles Unheilsame vernichten

Als Samanera soll man dem Unheilsamen nur Einhalt gebieten, es stoppen. Als Bhikkhu jedoch soll man das Unheilsame tiefer vernichten, es soll im Geist nicht mehr vorhanden sein – die Aufgaben und Pflichten der Praxis steigern sich durch die Bhikkhu-Ordination.

Almosenempfänger – das Äußere

Almosen zu empfangen macht einen wichtigen Aspekt des Äußeren eines Bhikkhus aus. Doch wann empfangen wir Almosen und was? Es gibt zwei Objekte, die wir empfangen sollen: Zunächst Dharma von Buddha, Lehrern und Bodhisathvas und als Zweites Speisen und Spenden durch die Laien, um unseren Körper für unsere Praxis zu erhalten. Dadurch soll eine Verbindung zwischen dem Spender und uns entstehen. Es ist wie ein Kontaktknoten zu verstehen: Wir haben die Verpflichtung, den Spender zur Erleuchtung zu bringen mittels
Dharma, unserem Verständnis, unserer Weisheit und unsere Praxis. Wir empfangen Almosen hier nicht nur, um uns zu ernähren, sondern gehen mit den Spendern eine Verbindung über mehrere Leben ein. Dass wir hier heute versammelt sitzen dürfen, dass wir eine fröhliche Runde von Mönchen und Nonnen bilden, ist nicht das Resultat guter Praxis aus einem Leben. Diese Verbindungen wurden durch mehrere Leben geknüpft. Lesen wir die Jatakas – die Geschichten aus den vorherigen Leben Buddhas – sehen wir, wie Personen, Tiere und andere fühlende Wesen, mit einander verknüpft sind und sich Leben für Leben wieder begegnen. Als Nichterleuchtete können wir das nicht selbst sehen oder erfahren. Vertrauen wir jedoch in Buddha, können wir es verstehen.

Allerdings ist ein frisch ordinierter Bhikkhu als solcher noch nicht vollkommen würdig, ein Almosenempfänger zu sein – seine Praxis ist noch nicht weit genug fortgeschritten. Buddha aber gab uns diesen Titel um uns zu ermutigen und uns zu erlauben, die indische Tradition des Almosens zu übernehmen. Ein wahrer, würdiger Empfänger von Almosen ist ein Arahat. Er ist würdig, auch von himmlischen Wesen Almosen zu empfangen. Haltet das im Gedächtnis und nutzt es als Ansporn, diesen Status so schnell wie möglich zu erreichen. Wenn wir im Geiste den Gedanken haben: „Ich bin eigentlich noch nicht vollends würdig, diese Speise anzunehmen, nur Arahats sind dies“, so strengen wir uns mehr an und streben mit großer Bemühung dem Ziel entgegen. Das Ziel ist immer noch dasselbe, was wir uns als Samanera gesteckt haben: Gleichmut im Geiste entwickeln. Denn der Gleichmut oder der ruhige Geist führt uns zum Zustand eines Arahat – wenn wir konsequent praktizieren.

Maras vernichten – das „Innere“ eines Bhikkhus

Die Vernichtung von Maras beinhaltet zwei Unterteilungen: Äußere und innere Maras.

Äußerlich bedingte Maras sind für uns Männer beispielsweise Frauen. Wir sehen die schönen Samanerica und Bhikkhunis oder Frauen in der Buddhahalle, hübsche Seminarsteilnehmerinnen und vieles mehr. Für Frauen umgekehrt sind es die hübschen Samaneras usw. Sind wir unachtsam, laufen wir solchen außerhalb liegenden Begierden hinterher, geben nach. Das ist aber ganz natürlich. Verleugnen wir dies, wäre das wirklich schlimm. Warum? Denn wir waren nicht ehrlich zu uns selbst. Wenn wir nicht ehrlich zu uns selbst sind und uns unser Verlangen und unsere Begierde gar nicht gestehen, können wir sie auch nicht transformieren. Man kann nur ändern, was man erkannt und akzeptiert hat.
„Ich sehe keiner Dame hinterher!“ Wer so etwas behauptet, lügt. Wir sind doch alles Lebewesen in einer Welt voller Begierde. Unsere Aufgabe ist es nicht, das zu verleugnen, sondern, die Begierde zu erkennen. Denn jeder Mensch hat Begierde. Der eine mehr, der andere weniger. Durch das Erkennen der Begierde können wir sie umwandeln. Wenn wir sie nicht erkennen, sind wir auf unserem Weg verloren. Shantideva sagte: „Derjenige, der sich selbst täuscht, ist ein verlorener Krieger.“ Er wirft die Flinte ins Korn und kann nicht mehr kämpfen, nichts mehr transformieren. Wenn wir uns selbst nicht durchleuchten, sind wir verloren. Daher brauchen wir Achtsamkeit. Im Westen weniger, dafür in Asien umso mehr, gelten Tugend und Moral als höchstes Prinzip. Es wird genutzt, um innere Begierde einfach zu unterdrücken und zu leugnen. „Ich bin tugendhaft!“ sagt man dort sehr leichtfertig. Wenn wir allerdings so tugendhaft wären, wären wir gar nicht hier. Schämt euch nicht eurer Begierden, erkennt und transformiert sie. Das ist wichtig.

Neben den durch äußere Bedingungen hervorgerufenen Maras sollen wir auch die innerlich aufsteigenden Maras vernichten: Begierde, Hass und Verblendung – kurz kleśa. Das sind alle Dinge, die unseren Geist stören. Das sind innere Maras. Ohne die Bekämpfung der kleśa wirklich anzugehen, sind wir keine richtigen Bhikkhus oder Bhikkhunis.

Unheilsames Vernichten

Es unterscheidet sich nicht groß von der Samaneraversion, in der wir bereits allen Unheilsamkeiten Einhalt gebieten wollen. Jetzt aber geloben wir, es vollends zu vernichten. Wir durchforschen uns darauf hin, wo sich unheilsame Lebensweise und Taten einschleichen könnten. Ich hörte, in der Nähe der Pagode Phat Hue hier gibt es eine große Disco. Sehen wir die jungen Leute dorthin gehen, wünschen wir uns vielleicht, auch dorthin zu gehen. Und wenn wir dann auch noch zufällig aus einem Nachbarhaus Musik hören, zuckt es unkontrollierbar durch unseren Körper. Wir sehnen uns nach Musik, nach Tanz. In dem Moment, indem wir die Musik hören und uns nach Discos, Tanz und so weiter sehnen, tanzt unser Geist allerdings tatsächlich. Er ist gerade in dieser Disco. Solche alltäglichen Vorgänge müssen wir erkennen. Alle unheilsamen Dinge, die wir uns angewöhnt haben, müssen wir lernen loszulassen, um uns weiterzuentwickeln. Ich beispielsweise habe gerne Opern geschaut oder Theatervorstellungen besucht. Wenn ich heute an einer Oper vorbeigehe, sehne ich mich manchmal immer noch danach, doch mal wieder die Fledermaus zu sehen. Das war immer sehr schön. Kommen solche Impulse hoch, sollen wir sie untersuchen, durchschauen und transformieren.

Wir reflektieren uns jeden Tag und schauen und schauen und schauen. Was denke ich gerade? Wir haben ja vorhin zusammen gegessen. Nehmen wir das als ein gutes Beispiel der Selbstreflexion:

Was ist das Subjekt, das gerade isst? Isst mein Körper?
Oder war es nur mein Mund?
Oder gar die Augen?
Oder waren es meine Gedanken?
Was hat da am Tisch gesessen und gegessen?

Selbst beim Essen können wir uns dahingehend untersuchen – welche Vorgänge laufen gerade in mir ab welchen Konzepten hafte ich jetzt im Moment an? Eigentlich nehmen ja stets alle 5 Skhandhas an einem Prozess des Essens teil. Aber wo fängt was an? Durch ständige Selbstreflexion können so nach und nach unheilsamen Gedanken und Taten verringert werden. Wir bemerken sehr früh, dass wir essen, des guten Geschmacks wegen. Etwas muss mundig schmecken, saftig. Das Wasser läuft uns im Mund zusammen. Wenn das mal nicht weltliche Phänomene sind. Weltliche Dinge sind unserer Praxis aber nicht von Vorteil. Je mehr wir uns daraufhin prüfen, können wir davon loskommen, uns in Geschmäckern und Begierden zu verlieren. „Oh, wie knusprig das ist. Sehr gut!“ Da laufen wir wieder unseren normalen Gewohnheiten nach. Wir sollen es mehr und mehr vergegenwärtigen und versuchen mehr und mehr zu stoppen. Niemand erwartet aber von einem Samanera, nach der Bhikkhu-Ordination ein vervollkommnter Bhikkhu zu sein, da wäre man ja ein Heiliger. Aber fangen wir mit unserer Praxis an, sollen wir uns um eine fleißige Praxis bemühen. Wir empfangen die drei Aspekte unserer Praxis mit unserer Ordination durch den Silaüberträger. Wird also das erste Sanghakarma gesprochen – auch bei einer Bhikkhu-Ordination wird der Text rezitiert – denken wir in unserem Geist:

„Ich bin ein würdiger Almosenempfänger! Ich bin kein Arahat, bekomme aber durch die Kraft des Meisters den Status eines Bhikkhus. Ich bin jetzt tatsächlich ein Bhikkhu!“

Kommt das zweite Sanghakarma, denken wir uns:

„Ich habe alle Maras bekämpft, ich bin fähig, ich habe sie vernichtet.“

Beim dritten und letzten denke wir uns:

„Ich habe alle weltlichen Dinge überwunden. Nichts blieb zurück. Ich bin jetzt ein wirklicher Bhikkhu!“

So entsteht in uns die wirkliche Natur eines Bhikkhu. Tatsächlich aber entstand nichts – es ist unsere eigene Natur, die zur Entfaltung gebracht wird. Wir kannten diese Natur nur noch nicht, waren nicht bereit, sie zu erkennen.
Wir hingen an so vielen Dingen: Am Essen, am Schlafen, Tanzen, Musikhören und tausend schönen Sachen. Wir gingen in so großen Zerstreuungen durch das Leben. Das ist nicht schlimm, denn wir gehen nun mit einem neuen Vorsatz durch unser Leben, nämlich dies zu erkennen und zu überwinden – jeden Tag ein bisschen mehr. Wir sind uns sicher, dass es klappen wird. Es gab bereits so viele Buddhas, Arahats, Bodhisathvas, Avalokiteshvara, Maytreya und viele mehr. Alle sie haben es geschafft und daher können wir es auch schaffen. Mit diesem Vorsatz geht man in durch eine Ordination.
Praktizieren. Praktizieren. Praktizieren. Das ist alles, was wir tun müssen.

Kann ein frisch ordinierter Bhikkhu die 250 Gebote nicht perfekt einhalten, macht das weniger aus, solange er die oben genannten drei Aspekte weiterhin rein hält. Bricht man ein Gelübde, so ist das wie ein hässlicher Schnitt an der äußeren Form. Doch das Innere lebt weiter, bleibt stabil. Wenn aber die drei Aspekte, die das innere eines Samanera oder eines Bhikkhus ausmachen, verletzt werden, so leidet das Gesamtbild darunter. Dann bleibt auch das Äußere nicht mehr lange heil. Man sieht es uns vielleicht noch nicht äußerlich an, doch innerlich können Gier, Hass und Verblendung bereits viel angerichtet haben.

Samaneras und Samanericas, haltet euch also im Geist:

1. Ich sage mich von allen weltlichen Verhängnissen los
2. Ich habe alle Unheilsamkeiten gestoppt
3. Ich bin fleißig und praktiziere alles Heilsame
4. Ich strebe die Ruhe des Geistes an

Bhikkhus und Bhikkhunis, haltet euch also im Geist:

1. Ich bin ein würdiger und fähiger Almosenempfänger
2. Ich habe alle Maras vernichtet
3. Ich habe alles Unheilsame vernichtet

Dadurch entsteht in euch die Samanera- oder Bhikkhunatur. Die Silas sind oder waren der Anfang, die Bhikkhugelübde führen uns weiter. Haltet an diesen Gedanken fest. Sie sind die Nahrung unserer Praxis und unseres Lebens.

3. Silas und Bhikkhugelübde – ein Spiel mit dem Feuer?

Buddha hat die Gebote nicht erfunden, um uns einzuengen. Natürlich können wir denken, „Warum soll ich plötzlich kein Geld, keinen Sex und keine berauschenden Mittel usw. mehr haben? Warum soll ich nicht mehr töten, stehlen und lügen dürfen? Das ist doch total engstirnig!“ Es ist uns einfach eine Hilfe. Es unterstützt uns in unserer Praxis. Durch die Arbeit mit den Gelübden erreichen wir nämlich zwei Ziele gleichzeitig: Einerseits beobachten wir unsere Handlungen und reflektieren unser Denken. Andererseits hören wir eben dadurch auf, ständig mit unseren Gedanken, unserer Gier und unserer Wut bei anderen Personen zu sein. Wir achten nicht mehr darauf, was die anderen machen, ob sie ihre Gelübde einhalten oder ob sie unheilsame Dinge tun. Wir vergleichen uns nicht mehr so sehr mit den anderen Mitgliedern der Sangha, da wir die Zeit besser nutzen, um uns zu untersuchen. Automatisch entsteht dadurch ein Zusammenleben zwischen Ordinierten, welches eine gute und heilsame Praxis aller gewährleistet. Entspringt diese Wirkung unserer Praxis, sind wir wahrlich ein guter Samanera oder ein guter Bhikkhu.

Mit den Silas sollte man allerdings behutsam umgehen. Es ist wie ein Spiel mit dem Feuer: Einerseits können Silas uns von einem normalen Zustand eines weltlichen Menschen in einen Zustand eines Erleuchtungsanstrebenden bringen. Andererseits können Silas uns auch tief herunterreißen in den Strudel der Wiedergeburten. Warum das? Verstößt man als Vollordinierter gegen gewisse Gelübde, kann es vielfach schlimmere Auswirkungen haben, als wenn ein normaler Mensch in seiner Unwissenheit dieselbe Tat begehen würde. Aus der tibetischen Tradition sieht man es so: Nehmen wir Dinge einer anderen Person unrechter Weise, dann haben wir unheilsames Karma geschaffen und erhalten eines Tages eine Wirkung, die – sagen wir mal vereinfacht – eins zu eins zu verstehen ist. Wenn wir aber bereits die Samanera-Ordination bekommen haben und dieselbe Tat begehen, sind die Auswirkungen und das negative Karma um ein vielfaches verschlimmert. Als Bhikkhu würden die Auswirkungen tausendfach verschlimmert. In der Mahayanatradition nehmen für gewöhnlich Personen, die eine Bhikkhuordination erhalten, am nächsten Tag auch noch die Bodhisathvagelübde auf – man sagt, die Praxis würde dadurch erleichtert und man würde weniger Gelübde brechen, was mich immer wieder verwirrt. Doch tatsächlich hat nun ein kleinster Fehler fataler Auswirkungen – karmisch gesehen: Durch die Bodhisathvagelübde hat man es sich zur Aufgabe gemacht, nicht nur sich, sondern alle fühlenden Wesen zu befreien. Würde unserem Beispiel nach ein solcher Bhikkhu etwas stehlen, würden die karmisch unheilsamen Folgen billionenfach potenziert. Ordinierte pflege ich daher daran zu erinnern, diese Gedanken in eurem Geist zu kultivieren.

Um zu verdeutlichen, wie einfach das ein oder andere Gelübde gebrochen werden kann, möchte ich an einem eigenen Beispiel verdeutlichen:
Ich war vor 3 oder 4 Jahren in Burma. Ich wurde mit Bahnte Shukashitu in einem Hotel untergebracht – schön und luxuriös. Gerade war mein Kaffee im Zimmer ausgegangen. Draußen war ein Wagen des Hausmädchens mit allem, was man brauchte. Ohne nach zu denken ging ich, nahm die Kaffeetüte und da erinnerte mich Bhante an mein Gelübde nicht zu stehlen: „Wieso nimmst du es einfach?“. „Ich dachte, sie bringt es doch sowieso gleich in unser Zimmer.“ antwortete ich. „Aber du fragtest nicht um Erlaubnis.“ entgegnete Bhante. Hätte er mich nicht daran erinnert, hätte ich aus purer Leichtfertigkeit ein Gelübde gebrochen, eines der Silas. So leicht kann es passieren. Es ist schön, wenn man jemanden an seiner Seite hat, der uns an die Einhaltung unserer Silas erinnert. Ich bekannte meinen Fehler und reinigte mich davon. Was aus solchen kleinen Fehlern für große Wirkungen entstehen können, sollten wir stets im Geist bewahren. Es kann sehr schnell passieren. Die 10 Gebote eines Samaneras sind noch überschaubar, doch sobald man die Bhikkhugelübde aufgenommen hat, wird es immer detaillierter. Dadurch ist es einerseits im Alltag einfacher zu praktizieren, da viele Handlungen mit Gelübden verbunden sind. Andererseits wird es schwieriger: Je mehr Gelübde es gibt, desto leichter kann man das ein oder andere vergessen.

Wie lange bleibt man Mönch und was macht seine Praxis schmackhaft?

In Thailand, so meine Erfahrungen, sind Mönche oftmals sehr kurzlebig. Ich traf bereits viele fähige Mönche und fragte manche von ihnen: Wie lange willst du denn Mönch bleiben? Und als Antwort bekam ich in etwa: „Ich weiß es noch nicht, das muss ich mir noch überlegen.“ Bei solchen Antworten war ich mir sicher: Dieser Mönch wird bald austreten. Das dauert nicht lange. Denn es ist nicht gerade verlockend, ein Mönchsleben zu führen. Mir half es dabei sehr, den Vorsatz zu machen, lebenslang Mönch zu bleiben. Darüber hinaus kann ich es ja nicht bestimmen. Mit einem solchen Vorsatz für das ganze Leben lassen sich viele Hindernisse überwinden: Als ich ordiniert werden wollte, war meine Familie dagegen. Ich war 12 Jahre alt und einziger Sohn der Familie. Mein Vater starb sehr früh und meine Mutter musste drei Kinder groß ziehen. Natürlich sah sie es als ihre Pflicht, den Namen der Familie weiterzugeben und zu erhalten – wie es in Asien Tradition ist. Als sie von meinem Wunsch hörte, war sie wirklich geschockt. Ich gab nach und wartete noch bis ich 20 Jahre alt war, um erneut zu fragen – in Asien ist es ebenfalls Tradition, den Eltern zu gehorchen und sich ihnen nicht diametral entgegenzusetzen. Auch mit 20 wurde mir der Wunsch verwehrt. Mit 22 Jahren fragte ich erneut und ich bekam ihr Einverständnis. An diesem Tag versprach ich mir und allen Anwesenden, bis an mein Lebensende Mönch zu bleiben. Lieber würde ich sterben, als diesen Status aufzugeben. Manchmal hilft uns diese Einstellung sehr, auf dem Weg zu bleiben: Kommen Zeiten des Zweifels vergegenwärtige ich mir die Wartezeit von 10 Jahren, bis ich Mönch werden durfte. Habe ich ein wirklich großes Problem, denke ich mir: Willst du das Problem angehen oder davon weglaufen und dich entroben? Entroben würde bedeuteten, den Mönchsstatus aufzugeben. Den Status als Mönches aufzugeben würde den Vorsatz verletzen. Willst du wirklich lieber sterben als dieses momentane Problem anzugehen? Solche Gedanken halfen mir über manch groß wirkende Schwierigkeit hinweg. Es gab mir Kraft und Ausdauer. Die Bodhisatvagelübde im Mahayana-Buddhismus ermutigen uns also auch, weiterzumachen. Wir haben ja das Gelübde abgelegt, alle fühlenden Wesen zur Erleuchtung zu bringen.

Private Gelübde – nicht zu voreilig

Was aber für jeden persönlich hinzukommt, sind private Gelübde, die man für sich selbst machen kann, wie es einem in den Sinn kommt. Doch damit sollte man, besonders am Anfang, vorsichtig sein. Sonst nehmen wir uns zuviel auf einmal vor und sind rasch dabei, es zu bereuen. Als ich beispielsweise nach Indien ging, habe ich Leprakranke gesehen und gelobte, 500 Leben mit Leprakranken zu verbringen, um ihnen aus ihrem Leiden zu helfen. Doch kurz darauf kam der Gedanke auf: „Meine Güte, was hast du denn da gesagt, wie schrecklich! Wie soll ich jetzt nur praktizieren?“ Doch sofort begann meine Reflektionsmaschine zu arbeiten und ich sagte mir selbst: „Jetzt hast du ein Gelübde abgelegt und bereust es sofort. Das ist ja wohl noch dümmer, als voreilig ein Gelübde überhaupt aufzunehmen!“ Ihr seht, so sieht innere Praxis aus. Ständig wägt man die geistigen Zustände ab. Das macht mir persönlich richtig Spaß. Das gibt unserer Praxis erst die richtige Würze. Sonst wäre es ja sehr langweilig, wenn man nicht mehr mit dem Geist arbeiten würde. Arbeitet man nicht mit dem Geist, kommen zu viel Behagen, zu viel Freude und Genuss. Wir müssen uns immer wieder überprüfen.

„Wieso muss ich denn schon wieder diese Arbeit übernehmen? Ich mache das doch jedes Mal. „

Dann sieht man, dass man ärgerlich ist.

„Wieso bin ich ärgerlich? Wieso mache ich diese oder jene Arbeit? Um Verdienste zu sammeln.“

Und sofort meldet sich unser unzufriedener Geist erneut…

„Bist du doof oder was? Du lässt dich nur ausnutzen! Verdienste hin oder her…“

Dann prüfen wir erneut, wieder und wieder. Wir haben so viele Stimmen, die uns dies oder jenes sagen. Alle müssen wir reflektieren und überprüfen.

- Glaubst du nicht an Verdienste? – Dann glaubst du nicht an das Gesetz von Ursache und Wirkung. – Dann haben wir kein Vertrauen in den Weg. – Dann können wir die Erleuchtung nicht erlangen. – Dann sind wir verblendet, dann bleiben wir verblendet.

Was unsere Praxis erst richtig schmackhaft macht

Wir wenden die Lehre Buddhas, die Selbstreflexion und die Lehre von Ursache und Wirkung auf uns Selbst an. So sieht unsere Praxis aus. Unser Geist wird transformiert. Schauen wir nach 10 Jahren auf unsere Praxis zurück, erkennen wir große Fortschritte. Und eben diese Fortschritte sind es, die uns weiter den Ansporn geben zu praktizieren.
Sollten wir allerdings auf 10 Jahre Müdigkeit, Traurigkeit, Streit mit anderen Dharmabrüdern und Verschmähungen zurückblicken sollten wir uns fragen: Haben wir wirklich gut praktiziert? Wahrscheinlich haben wir dann keinen wirklichen geistigen Schritt nach vorne getan. Aber ist das ein Grund, die Haare wieder wachsen zu lassen, das Leben in seinen „vollen Zügen“ zu genießen? Sollte das unser Ende von 10 Jahren Praxis sein? Ich glaube nicht. Wir selbst müssen uns vielmehr selbst immer aufs Neue die Würze unserer Praxis geben. Niemand sonst wird sie uns geben. Eure Dharma-Brüder und –Schwestern werden euch höchstes Salz in eure Wunden streuen, wenn wir nicht achtsam sind. Aber wieder können wir dieses Salz benutzen, um uns unsere spirituelle Speise gut schmecken zu lassen. Ohne dieses oft schmerzhafte Salz, werden wir uns nie weiterentwickeln. Die größten Feinde des Buddhas legten ihm so viele Steine in den Weg. Aber er blieb voller Gleichmut. Wir sollten versuchen, es ebenso zu sehen. Nehmt euch für eure Praxis nicht zuviel auf einmal vor, sondern beginnt am Anfang mit der Silapraxis. Bekommen wir trotzdem einmal einen großen Stein in den Weg gelegt oder Salz in offene Wunden gestreut, so bedankt euch bei den Verursachern:

„Danke dafür, dass ich meinen Geist nun klarer sehen kann als zuvor!“

3. August 2008 Allgemeines Keine Kommentare

Privataudienz der Sangha Pagode Phat Hue bei dem Ehrw. Thich Nhat Hanh

Plum Village am 12.07.2008

 

Frage des Ehrw. Thich Thien Son, Abt der Pagode Phat Hue:

„Unsere junge Sangha verfolgt in ihrer Praxis momentan zwei Ziele gleichzeitig: Einerseits wollen wir die traditionellen Aspekte unserer Praxis aufrechterhalten. Andererseits möchten wir Harmonie und Leichtigkeit kultivieren. Bis heute fällt es der Sangha schwer, eine Balance zwischen diesen beiden Ansätzen zu finden. Man tendiert entweder in das Extrem, sich strikt an die Tradition zu halten oder aber geht nur noch seinen Begierden nach. Hochehrwürdiger Thich Nhat Hanh, wie kann es unserer jungen Sangha gelingen, Harmonie zu etablieren und gleichzeitig der traditionellen Praxis gerecht zu werden?“

 

Antwort des Ehrw. Thich Nhat Hanh (Su Ong):

 

“Eine Praxis ist gut, wenn sie effektiv ist. Eine Methode ist eine gute Methode, wenn sie effektiv ist – ganz egal ob sie traditionell ist, oder nicht. Effektiv bedeutet, dass sie in der Lage ist, Harmonie zu erzeugen. Es ist der bedeutendste Aspekt eines Ordinierten, durch die eigene Praxis Harmonie unter den Sanghamitgliedern zu kultivieren. Wenn die Praxis keine Harmonie erzeugt, ist es keine gute Praxis, keine gute Methode. Ist das klar genug? Wenn ihr eure Praxis jede Woche im Bezug auf dieses Kultivieren von Harmonie überprüft und ihr könnt keinerlei Fortschritt feststellen, dann muss die Methode geändert werden. Habt ihr einen kleinen Fortschritt gemacht, dann ist das ok – eine wirklich deutliche Veränderung kann man erst nach drei Monaten erkennen. Es ist also sehr wichtig für eine Sangha, die eigene Praxis jede Woche zu überprüfen, um zu erkennen, dass sie sich auf dem richtigen Weg befindet. Die Praxis zielt nicht auf einen Elitestatus oder eine Führungsposition einzelner Sanghamitglieder innerhalb der Gemeinschaft ab – es geht nicht darum, etwas Besonderes zu sein. Es ist nicht die Position des Abtes oder des Leiters eines Tempels die dazu führt, dass Menschen deinem Ratschlag folgen – es ist die von dir erreichte Freiheit von Verlangen und Wut. Menschen werden dir aufgrund deiner Einsicht und deines Mitgefühls zuhören, nicht aufgrund deiner Position oder deines Titels, nicht weil du ein „Großer Bruder“ oder eine „Große Schwester“ bist – Ziel ist es daher, eine harmonische Brüder- und Schwesternschaft zu kreieren.

 

Spirituelle Stärke kommt aus der Freiheit von Verlangen und Wut. Überprüfe deine Praxis. Verbessere deine Praxis. Bringt eure Praxis Harmonie in die Sangha? Um eine solide, gefestigte Sangha zu schaffen, benötigt es zu allererst Harmonie. Nur als harmonische Sangha könnt ihr Menschen, vielen Menschen helfen. Sie werden zu tausenden zu euch kommen. In Plum Village wird nicht um Führungspositionen gekämpft. Die Mönche und Nonnen hier agieren wie die Bienen eines Bienenstockes. Ich vergleiche die Mönche und Nonnen in Plum Village gerne mit Bienen. Jedes einzelne Sanghamitglied hat seine Qualitäten und seine Arbeit. Aber die Sangha entscheidet darüber, in welcher Position man eingesetzt wird. Wir zusammen sehen genau, dass ein Mitglied der Sangha bestimmte Fähigkeiten oder Erfahrungen auf einem Gebiet hat. So wird diese Person zum Wohle der ganzen Sangha in diesem Bereich eingesetzt.

 

Wie man Harmonie schafft

 

Um Harmonie in einer Sangha zu kreieren, muss man das Leid und die Probleme aller Sanghabrüder und –schwestern verstehen. Wie kann man das Leiden der anderen Sanghamitglieder in der Tiefe verstehen? Indem man tiefes Zuhören praktiziert. Wenn es aufgrund von Geschäftigkeit und Arbeit für den Tempel keine Zeit gibt, um sich gegenseitig tief zuzuhören, dann werdet ihr niemals das Leiden der Menschen um euch herum verstehen können. Und dann seid ihr nicht in der Lage, Harmonie zu schaffen. Nehmt ihr euch die Zeit, euren Brüdern und Schwestern wirklich zuzuhören? Es ist von solch enormer Bedeutung, sich zuzuhören, sich ausreden zu lassen und nicht zu unterbrechen. Auch wenn ihr jemandem zuhört und euch vollkommen klar seid, dieser Jemand präsentiert bloß falsche Wahrnehmungen – unterbrecht sie oder ihn nicht. Ihr mögt vielleicht wissen „Die Person liegt falsch“ aber dennoch sollte man darum bitten, zwei Tage über den Konflikt nachzudenken und zu reflektieren. Ihr gebt der Person dadurch die Gelegenheit, das eigene Leiden zu transformieren.

 

Heute Morgen fragte mich ein Mann: „Worin besteht die Verbindung von Nicht-Selbst, Leerheit und den 5 Achtsamkeitsübungen?“ Ich antwortete, dass die Praxis der 5 Silas nicht nur Harmonie in der Sangha schafft, sondern gleichzeitig ein Verständnis des Nicht-Selbst bringt. Praktiziert man auch nur eine der 5 Übungen mit tiefem Verständnis, praktiziert man alle 5 und lässt von seinem Selbst zunehmend los.

 

Lasst Ärger und Wut nicht lange unter den Sanghamitgliedern verweilen. Er wird euren Geist und eure Praxis zerstören. Er muss innerhalb von 2 Tagen aufgelöst werden. Kannst du deinen Ärger und deine Wut nicht verbal zum Ausdruck bringen, dann tue es, indem du es auf ein Stück Papier schreibst und dieses der Person gibst. Wenn man das Problem nicht alleine lösen kann, sollte man die anderen Sanghamitglieder um Hilfe bei der Problemlösung bitten. Es ist wichtig, dass wir ein Problem nicht zu lange in uns tragen. In Plum Village haben wir für die Besprechung solcher Disharmonien ein wöchentliches Treffen, das wir „Beginning anew“ nennen – übersetzt heißt das soviel wie „Auf ein Neues“. Zunächst teilt man der betreffenden Person mit, welche positiven Qualitäten wir in ihr sehen. Wir machen uns bewusst, dass die Person, mit der wir ein Problem haben, nicht nur negative Aspekte in sich trägt. Danach drücken wir Bedauern aus für unheilsame Handlungen, die wir der Person gegenüber begangen haben. Dann erst sagen wir der Person: „Ich fühle mich verletzt und bitte um Hilfe.“ Wir nennen die Ursache für unser Leiden. Indem wir so vorgehen, können wir nun zusammen an einer Lösung des Problems arbeiten.

 

Die Bruder- und Schwesternschaft ist am bedeutendsten und grundlegendsten in einer Sangha. Wahrhaft spirituelle Kraft ist die Freiheit von Verlangen und Wut. Wir müssen uns die Zeit nehmen, wirklich zuzuhören um tiefes Verständnis zu entwickeln. Nur so können wir zu einer wirklich gefestigten Sangha werden.”

Begegnung der besonderen Art: Pagode Phat Hue meets Plum Village

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Die Sonne ging auf, um einen neuen Tag anzukündigen. Wir saßen immer noch im Auto und waren inzwischen irgendwo in Frankreich in der Nähe von Bordeaux. Unser Ziel für dieses Wochenende: Thich Nhat Hanh’s Plum Village. Die meisten von uns kannten Thich Nhat Hanh bisher nur über seine zahlreichen Buchveröffentlichungen, vor allem zum Thema Achtsamkeit. So waren wir alle sehr gespannt, ihn und seine Gemeinschaft zwei Tage lang live zu erleben zu dürfen.

Nach der Ankunft in Lower Hamlet, einem der inzwischen sieben Dörfer, die zu Plum Village gehören, ging es direkt in die große Buddhahalle zum Dharmatalk. Eigentlich war es keine “richtige” Dharmarede – die Teilnehmer des diesjährigen Sommerretreats hatten Gelegenheit, Fragen an einen der beliebtesten buddhistischen Lehrer unserer Zeit zu richten. In der eher spartanisch und neutral gehaltenen Buddhahalle waren etwa 500 Menschen versammelt. Die gestellten Fragen reichten von “Warum habe ich mir ausgerechnet jetzt am ersten Tag meiner Ferien meinen Arm gebrochen” bis “Wie kann ich mit intensiven Emotionen wie zum Beispiel Wut und Ärger umgehen lernen?” und “Muss ich mein Leben opfern, wenn ich Mönch oder Nonne werden will?”. Jede Frage wurde ausführlich auf Thich Nhat Hanhs für jeden leicht nachvollziehbare, warmherzige und oft auch humorvolle Weise beantwortet.

Nach der Frage-Antwort-Session stand die tägliche Gehmeditation auf dem Plan. Gehmeditation in Plum Village bedeutet, etwa 45 Minuten mit Thay und etwa 500 weiteren Teilnehmern achtsam durch die wunderschöne Landschaft mit Teichen und – wer hätte das gedacht? – hunderten von Pflaumenbäumen zu wandern. Auf halber Wegstrecke wird eine kurze Sitzmeditation eingelegt, während der der Meister schweigend eine Tasse Tee trinkt – man sitzt und schweigt in großer Runde und genießt das Hier und Jetzt. Es drängt sich unweigerlich der Gedanke auf, dass das Leben eigentlich ganz einfach sein könnte – würde man es nicht ständig selbst mit Hilfe des eigenen Geistes verkomplizieren.

Es folgten Besichtigungen der anderen Hamlets (Upper, Middle, New Hamlet) – jedes Dorf hat seinen eigenen Charme. Die alten aus rohem Stein gezimmerten Häuser prägen das Bild. Egal, in welchem Hamlet man sich befindet, es ist überall auffallend ruhig und … sauber. Wir fragen uns, wie die Plum-Village-Sangha es schafft, dass trotz der aktuell mehreren hundert Besucher nirgends Abfall zu sichten ist. Achtsamkeit ist hier kein leeres Konzept, sondern wird ganz konkret in jeder Sekunde praktiziert – selbstverständlich gehört dazu auch das sofortige Entsorgen von Müll. Ganz biologisch natürlich.

In Plum Village spielt die ökologische Lebensführung eine wichtige Rolle – biologischer Landbau und vegane Ernährung gehören an diesen Ort genauso wie die heitere Gelassenheit in den Gesichtern der Bewohner.

Der definitive Höhepunkt des ersten Tages: Privataudienz bei Thich Nhat Hanh in seiner Holzhütte. Die Atmossphäre ist schwer zu beschreiben: es liegt eine Leichtigkeit darin, aber gleichzeitig auch eine große Tiefe. Sie läßt erahnen, dass es sich hier um einen wirklichen Meister handelt, der praktiziert, was er lehrt. Seine Ausstrahlung “berührt” – einige Taschentücher werden gezückt.

Wir fragen, was denn wirklich wichtig und entscheidend sei für eine junge Sangha wie die unserer Pagode? “Die Harmonie innerhalb der Sangha ist das Entscheidende”, so die klare Antwort THNs – “entwickelt wahre Brüderlichkeit, indem Ihr einander wirklich mit offenem Herzen zuhören lernt.”

Der offizielle Teil des folgenden Tages beginnt mit einer Dharmarede anlässlich des “Tages der Vorfahren”. Wir müssen erkennen, dass wir sowohl unseren Vater als auch unsere Mutter ständig in uns tragen – unabhängig davon, wohin wir gehen. Wir sind keine voneinander getrennten Lebewesen, sondern die Weiterführung unserer Eltern. Das hören wir manchmal gar nicht gern – doch wenn wir darüber reflektieren, können wir die tiefe Wahrheit dieser Aussage erfassen.

Betrachten wir zum Vergleich die Entwicklung eines Samenkorns, welches wir in einen Topf mit Erde geben und täglich mit Wasser versorgen. Nach einigen Tagen sprießen zwei oder drei Blätter und wir können das Samenkorn nicht mehr sehen. Wo ist das Samenkorn? Ist es nun tot oder spurlos verschwunden? Sind das Samenkorn und die Pflanze zwei voneinander getrennte, isolierte Dinge? Handelt es sich um ein und dasselbe? Oder sind Pflanze und Samenkorn weder das Gleiche noch gänzlich voneinander getrennte Dinge?

Ja – letzteres ist korrekt: Samenkorn und Pflanze sind weder das Gleiche noch voneinander getrennte Dinge – die Pflanze ist die Weiterführung des Samens, so wie wir die Fortsetzung unserer Eltern sind.

Wieso ist dies wichtig? Es zeigt, dass wir voneinander abhängig sind. Samenkorn und Pflanze bedingen sich gegenseitig, genauso wie Eltern und Kinder. Das Glück der Tochter ist gleichzeitig auch das Glück der Mutter. Daher sollten wir daran arbeiten, unsere Beziehungen zueinander in eine heilsame Richtung zu transformieren – mit Hilfe von Mitgefühl, tiefem Verständnis für das Leid des Anderen, Weisheit und Liebe.

Ein weiteres Thema seiner Dharmarede waren die verschiedenen Spielarten der “Macht” – in weltlichem und spirituellem Sinne. Zu den wichtigsten weltlichen Mächten, die unser Verlangen täglich schüren, gehören laut Thich Nhat Hanh Reichtum, Ruhm, Einfluss sowie Sexualität. Die spirituellen Mächte hingegen sind das Loslassen können von Verlangen und negativen Emotionen, die Entwicklung von Verständnis und Einsicht sowie das Kultivieren von Liebe und Vergebung. Der Buddhismus hat kein Problem mit Reichtum und Ruhm, betonte Thich Nhat Hanh, aber ohne vorherige Entwicklung der spirituellen Kräfte, ist weltliche Macht eine große Gefahr. Und glücklich macht weltliche Macht alleine ohnehin nicht, da sie lediglich das Verlangen nach noch mehr Macht schüre und den Menschen somit ständig zum Sklaven seiner Begierden mache.

Nachmittags hatten wir die einmalige Gelegenheit, das Mönchsquartier im Upper Hamlet zu besuchen. Es wird nur einmal im Jahr für Besucher geöffnet. Abends wurden wir von der Plum-Village-Sangha in Middle Hamlet zum Erfahrungsaustausch eingeladen. Im Rahmen einer Teezeremonie stellten wir uns gegenseitig Fragen zu unserer Dharmapraxis. Wir fragten zum Beispiel, was es denn mit dem “Lazy Day” (”dem faulen Tag”) in Plum Village auf sich hat und wie die Belehrungen für die Ordinierten in den einzelnen Hamlets aussieht. Die Fragen und Antworten waren für beide Seiten sehr interessant und inspirierend. Wir haben viele neue Ideen und Eindrücke mit nach Hause nehmen können.

Was hat uns am meisten beeindruckt? Da wäre die allgegenwärtige Leichtigkeit und Gelassenheit, die so charakteristisch für Plum Village zu sein scheinen – ob beim Kochen, beim Gehen, beim Singen, beim Zuhören – man findet sie überall. Und die Gastfreundschaft, mit der man uns begegnete, auch sie muss an dieser Stelle noch erwähnt werden. Wir würden uns wünschen, einen Teil davon, der Plum-Village-Sangha bei einem Besuch in unserer Pagode in Frankfurt zurückgeben zu dürfen!

18. Juli 2008 Allgemeines Kommentare deaktiviert

Das Phänomen Leben

„Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen, man weiß nie, was man bekommt.“
(Forrest Gump)

Wir atmen, wir essen und trinken, wir gehen zur Toilette, wir kommunizieren mit unserer Mitwelt, wir lieben, wir hassen, wir zeugen Nachkommen, manchmal wollen wir einfach nur noch schlafen – all diese „Tätigkeiten“ sind Ausdruck unserer Lebendigkeit und ziehen sich wie ein roter Faden durch unser Leben hindurch.
Doch – haben Sie im Stress des Alltags schon einmal inne gehalten und sich gefragt – was Leben eigentlich ist und bedeutet?
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4. Juli 2008 Allgemeines, Newsletter Artikel Kommentare deaktiviert

Das Leben aus buddhistischer Sicht …

… als dynamischer Prozess zwischen Ursache und Wirkung

Leben aus buddhistischer Sicht beinhaltet automatisch auch die Erfahrung der drei Daseinsmerkmale Vergänglichkeit (anicca), Leid (dukkha) und Ich-Losigkeit (anatta).

1. Vergänglichkeit (anicca)

„Als Vergänglichkeit gilt der Dinge Entstehen, Vergehen und Anderswerden, oder das Schwinden der gewordenen, entstandenen Dinge. Der Sinn ist der, dass diese Dinge nie in derselben Weise verharren, sondern zergehen, indem sie sich von Augenblick zu Augenblick auflösen.”

(Vism. VIII.3)

Nichts in dieser Welt ist beständig: der Winter vergeht, um dem Frühling Platz zu machen und dieser weicht der Hitze des Sommers, welcher wiederum von Herbststürmen und fallenden Blättern abgelöst wird, die

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4. Juli 2008 Allgemeines, Newsletter Artikel Kommentare deaktiviert

Meditation über den eigenen Todeszeitpunkt

(Betrachtung der eigenen Vergänglichkeit)

Diese Methode ist sehr effektiv, um herauszufinden, was uns in diesem Leben wirklich wichtig ist. Darüber hinaus können wir uns damit die Vergänglichkeit des eigenen Lebens vergegenwärtigen.
Oft verlieren wir uns nahezu vollständig in unseren Wunschvorstellungen und Sehnsüchten. Da diese auf einen imaginären Zustand in der Zukunft ausgerichtet sind, verlieren wir das Gefühl für den Augenblick im Hier und Jetzt und damit den Kontakt zur Realität. Trauern wir zudem noch verpassten „Chancen“ in unserer Vergangenheit hinterher, hindert uns dies noch zusätzlich, in der Gegenwart zu leben. › Continue reading

4. Juli 2008 Allgemeines, Newsletter Artikel Kommentare deaktiviert

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Offener Kanal Offenbach

Vajramala (DBU) und der Ehrw. Thich Thien Son – Interview und Diskussionsrunde

Vajramala – derzeitige Vorsitzende der Deutschen Buddhistischen Union – besuchte die Pagode Phat Hue aus Anlass eines Interviews und einer Diskussionsrunde mit dem Ehrw. Abt und Zenmeister Thich Thien Son. Während des Interviews erläuterte Vajramala anhand ihrer eigenen Lebens- und Praxisgeschichte, wie sich der Buddhismus in Deutschland entwickelte. Die Diskussionsrunde mit dem Ehrw. Thich Thien Son griff das Thema Buddhismus in Deutschland auf, konzentrierte sich aber auch auf das Verhältnis von Ordinierten und Laienpraktizierenden.

Interview Vajramala

  • Freitag 01.08. 18:02 Uhr + 23:02 Uhr
  • Sonntag 03.08. 21:02 Uhr

Diskussion Vajramala und Thich Thien Son

  • Dienstag 22.07. 18:45Uhr + 23:45
  • Samstag 26.07. 20:45
26. Juni 2008 Allgemeines Kommentare deaktiviert

Ehrw. Pa Auk Sayadaw in der Pagode Phat Hue

sayadaw1Was ist Leben – was bedeutet Leben? Dies waren die zentralen Fragestellungen der Dharmarede am Dienstagabend. Der Ehrw. Pa Auk Sayadaw erklärte, dass Leben aus buddhistischer Sicht automatisch auch die Erfahrung der drei Daseinsmerkmale Vergänglichkeit (anicca), Leid (dukkha) und Ich-Losigkeit (anatta) beinhaltet. Wieso ist dem so? Weil alle Körperlichkeiten (rupa) und alle geistigen Objekte (nama) letztendlich durch winzige, subatomare Partikel – so genannte Kalapas - zusammengesetzt sind, welche wiederum selbst dem Prinzip der Vergänglichkeit unterworfen sind. Abhängig von den jeweils aktuellen Bedingungen finden sie sich in unterschiedlicher Kombination zusammen, um die materiellen und die geistigen Objekte zu formieren. Das Leid entsteht, wenn wir versuchen, an den Phänomenen festzuhalten. Da alle Erscheinungen vergänglich sind, muß dies zu Frustration und Unzufriedenheit führen. Wenn sich die Zusammensetzung der Objekte ständig ändert, kann es auch kein “dauerhaft in dem Objekt wohnendes”, also beständiges “Selbst” geben. Alle Erscheinungen sind daher ihrer Natur nach “leer”. Die Dinge entstehen und vergehen in jeder Sekunde – nur durch das Zusammenspiel von Ursache und Wirkung bedingt.

Neben diesen eher abstrakten Themen sprach der Ehrw. Sayadaw auch über praktische Aspekte der Samatha- und Vipassana-Meditation. Was bedeutet eigentlich Achtsamkeit auf den Atem? Wie ist der Ablauf einer Meditation auf die vier Elemente? Wann und für wen ist welche Meditationsform sinnvoll? Im Rahmen von privaten Interviews und in Frage-Antwort-Stunden hatten die Teilnehmer ausreichend Gelegenheit, persönliche Fragen zu ihrer Meditationspraxis zu stellen.

Darüber hinaus wurde der Retreat bereichert durch die morgendlichen Dharmareden des Ehrw. U Jagara.
Er verstand es, die Zuhörer durch seine warmherzigen, klaren und praxisorientierten Unterweisungen zu begeistern. So wurden auch kompliziertere Sachverhalte wie die Beruhigung des Geistes durch Arbeit mit den Sinnestoren nachvollziehbar. Ehrengäste wie der Ehrw. Dhammadipa rundeten den Event ab.

Und das Beste: durch die Initiative unseres Ehrw. Abtes Thich Thien Son ist im nächsten Jahr ein weiterer Retreat mit dem Ehrw. Pa Auk Sayadaw geplant!

Und zu guter letzt: die DVD des Dharmatalks “The Meaning of Life” von dem Ehrw. Pa Auk Sayadaw ist bereits bei uns in der Pagode erhältlich. Weitere DVDs und Videomitschnitte sowie Texte zum Pa Auk Sayadaw-Event folgen in Kürze!

Saddhu Saddhu Saddhu

23. Juni 2008 Allgemeines Kommentare deaktiviert